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Typen iterativen Erzählens

Typen iterativen Erzählens

Das iterative Erzählen ist manchmal schwer vom singulativen zu unterscheiden. Wenn nämlich ein Fall stellvertretend für weitere erzählt wird, ist das – genau betrachtet – nichts weiter als ein pragmatischer Gebrauch der singulativen Erzählung.

„[In] der klassischen Erzählung und noch bis hin zu Balzac sind die iterativen Segmente fast immer den singulativen Szenen funktionell untergeordnet, denen sie eine Art Rahmen oder informativen Hintergrund geben [...].“ (S. 83)

Die klassische Funktion der iterativen Erzählung ähnelt der der Beschreibung, wie sie in der vorangehenden Lerneinheit anlässlich der deskriptiven Pause behandelt wurde, denn eine Figur wird häufig über eine Ansammlung von Gewohnheiten und über sich wiederholende Verhaltensweisen charakterisiert.

Anhand von Prousts „Recherche“ unterscheidet Genette zwei Typen iterativen Erzählens:

  1. die generalisierende oder externe Iteration: „In diesem Fall ragt das vom iterativen Segment abgedeckte Zeitfeld ganz offenkundig weit hinaus über das der Szene, in die es sich einfügt: Der Iterativ öffnet gewissermaßen ein Fenster zur äußeren Dauer.“ Gemeint ist damit, dass „innerhalb singulärer Szenen iterative Passagen vorkommen“ (S. 85). Die Inhalte der Iteration haben einen allgemeinen Stellenwert, der über die einzelne Szene hinausgeht.

Wie sich anhand des nachfolgenden Absatzes aus Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ zeigen lässt, verstärken solche iterativen Passagen die singuläre Schilderung, da sie ihrer Einordnung vor dem Hintergrund allgemeiner Informationen dienen:


„Die Klavierlehrerin Erika Kohut stürzt wie ein Wirbelsturm in die Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilt. Die Mutter nennt Erika gern ihren kleinen Wirbelwind, denn das Kind bewegt sich manchmal extrem geschwind. Es trachtet danach, der Mutter zu entkommen. Erika geht auf das Ende der Dreißig zu. Die Mutter könnte, was ihr Alter betrifft, leicht Erikas Großmutter sein. Nach vielen harten Ehejahren erst kam Erika damals auf die Welt. Sofort gab der Vater den Stab an seine Tochter weiter und trat ab. Erika trat auf, der Vater ab. Heute ist Erika flink durch Not geworden. Einem Schwarm herbstlicher Blätter gleich, schießt sie durch die Wohnungstür und bemüht sich, in ihr Zimmer zu gelangen, ohne gesehen zu werden.“

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin. 29. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 7.