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Singuläres Erzählen

Singuläres Erzählen

Für gewöhnlich wird in einer Erzählung einmal erzählt, was einmal geschehen ist. Eine narrative Einheit in der Erzählung entspricht damit einer narrativen Einheit in der Geschichte (1E/1G).
Eben weil dieses Erzählen völlig normal zu sein scheint, hat Genette ein Problem mit der Benennung dieses Typus. Er nennt ihn singuläres oder singulatives Erzählen und weist ihn als häufigste Art der Frequenz aus: „Diese Erzählform, in der die Singularität der narrativen Aussage der Singularität des erzählten Ereignisses entspricht, ist offensichtlich die bei weitem geläufigste.“ (S. 82)
Im Rahmen dieses Online-Kurses wird diese Art des Erzählens als singulär bezeichnet, um das singulative Erzählen leichter davon unterscheiden zu können, auch wenn die Unterscheidung einmal mehr systematischer Natur ist und sich wiederum eher in ihrer Wirkung von einem singulativen Erzählen unterscheidet, wie es im nachfolgenden Kapitel behandelt wird.


„Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg.“

Georg Büchner: Lenz. München 1997, S. 9.


Durch die zeitliche Festlegung der Wanderung durch das Gebirge bekommt das Ereignis einen singulären Charakter. Wird ein Ereignis als singulär ausgewiesen, bekommt es einen besonderen Stellenwert:


„Jonina verliebt sich in Jonas am 3. Dezember um kurz vor elf Uhr am Morgen auf der Straße, die zum alten Thingplatz führt.“

Judith Hermann: Kaltblau. In: Dies.: Nichts als Gespenster. Frankfurt am Main 2003, S. 61–120; hier S. 108.