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Dauer

Die Zeit der Erzählung II: Dauer

Dauer – Geschwindigkeit – Anisochronien

Die Dauer einer Erzählung kann niemand wirklich messen. Wie lang man braucht, um einen Text zu lesen oder vorzutragen, lässt sich relativ leicht ermitteln, wird aber je nach Leser oder Sprecher variieren und kann nur als Durchschnittswert angegeben werden. Eine gemessene Lesedauer sagt jedoch noch wenig aus. Es fehlt der Referenzpunkt, der einen in die Lage versetzen könnte, anzugeben, dass die Erzählung als soundso viel schneller oder langsamer im Verhältnis zur erzählten Geschichte anzusehen ist.
Einfacher ist das im Fall einer Dialogszene, bei der man im Wesentlichen Isochronie, also Gleichheit zwischen dem Erzählen und der Geschichte annehmen kann. Wenn Peter mit seiner Mutter spricht und das ohne jede Inquitformel (‚er sagt‘ oder dergleichen) in der Erzählung wiedergegeben wird, variieren bestenfalls die Sprechgeschwindigkeiten, Erzählung und Geschichte sind jedoch annähernd deckungsgleich: „‚Wie kommst Du dazu, den Kuchen anzuschneiden? Du weißt doch, dass der für Deine Schwester ist!‘ – ‚Es tut mir leid. Ich hatte Hunger und habe nicht nachgedacht.‘ – ‚Das ist doch Unsinn, Peter. Schlafwandelst Du seit Neuestem? Das kann man doch nicht einfach vergessen!‘“

Bei genauer Betrachtung gibt es allerdings selbst hier eine Schwierigkeit, auf die Genette hinweist:

„[A]lles, was man über ein solches narratives (oder dramatisches) Segment behaupten kann, ist, daß es alles, was wirklich oder fiktiv gesagt wurde, wiedergibt, ohne irgend etwas hinzuzufügen; es gibt aber nicht die Geschwindigkeit wieder, mit der diese Worte gesprochen wurden, und ebensowenig die etwaigen Gesprächspausen.“ (S. 61)

Auch im Fall eines Dialogs handelt es sich nicht wirklich um Isochronie, sondern nur um eine konventionell angenommene Gleichheit.

Nimmt man andere Sequenzen der Peter-Geschichte, ist es schwer zu sagen, ob sie im Verhältnis zu dem oberen Dialog schneller oder langsamer sind. Alles, was man sagen kann, ist, dass die Zeit der Erzählung und die Zeit der Geschichte im Fall eines Dialogs ungefähr übereinstimmen.

Man könnte nun aber auch anders ansetzen und untersuchen, wie sich die Dauer einer Erzählung im Vergleich zu der Dauer der von ihr erzählten Geschichte verhält. Es würde dabei eher um die Geschwindigkeit gehen, mit der Geschehnisse einer Geschichte in einer Erzählung umgesetzt werden. Die Vergleichspunkte sind dann dieselben wie bei der Lerneinheit „Ordnung“, nur dass es hier nicht um die Anordnung von narrativem Inhalt, sondern seine Text-Ausdehnung geht.

Wenn beispielsweise Peter von dem Schrei seiner Mutter erwacht und von ihr in die Küche gerufen wird, muss er sich aus dem Bett erheben und sich etwas überziehen. In der Erzählung kann das detailliert und langsam, aber auch ganz schnell erzählt werden:

Variante 1:
„Peter erschrak. Oh je, das geht jetzt bestimmt um den Kuchen, fuhr es ihm in den Kopf. Er stand auf und taumelte zum Stuhl. Dort lagen Hose und Pullover. Er zog sich beides an, so schnell er konnte. Da kam schon der nächste Ruf aus der Küche. ‚Komm sofort her!‘ Peter suchte nach seinen Socken. Wie immer, unter dem Bett. Er seufzte, angelte sie hervor und griff gleich noch nach den Hausschuhen. Alles andere musste warten. Der dritte Ruf. Peter lief schnell in die Küche, bevor seine Mutter explodierte.“

Variante 2:
„Peter erschrak. Oh je, das geht jetzt bestimmt um den Kuchen, fuhr es ihm in den Kopf. Er stand auf und schnappte, so schnell er es in seiner Schlaftrunkenheit vermochte, nach Pulli und Jeans, suchte die Socken, zog sich an und lief in die Küche.“

Bei beiden Varianten geschieht dasselbe, die Ordnung ist ebenfalls gleich. Inhaltlich gesehen beeilt sich Peter in beiden Fällen, soweit ihm das müde und verschlafen möglich ist. Dennoch wirkt die Handlung in der ersten Variante langsamer als in der zweiten. Um die Möglichkeiten der Analyse solcher Effekte geht es im Folgenden.

Die Geschwindigkeit einer Erzählung bemisst sich nach dem Verhältnis zwischen der Dauer der Geschichte, die in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen usw. zu messen ist, und der Länge des Textes (Zeilen und Seiten). „Die isochrone Erzählung, unser hypothetischer Skalennullpunkt, wäre hier also eine Geschichte mit gleichmäßiger Geschwindigkeit, ohne Beschleunigungen oder Verzögerungen, in der das Verhältnis Dauer der Geschichte/Länge der Erzählung immer konstant bliebe.“ (S. 62)

Solch eine hypothetisch angenommene, isochrone Erzählung wäre vor allem eines: unglaublich langweilig und nur als narratologisches Experiment erträglich. Für gewöhnlich sind Erzählungen deshalb anisochron: „Eine Erzählung kann auf Anachronien verzichten, ohne Anisochronien aber[,] oder – wenn einem das lieber ist (und das ist es wahrscheinlich) – ohne Rhythmuseffekte kommt sie nicht aus.“ (S. 62)

Geschwindigkeitsveränderungen ergeben sich, wenn Ereignisse der Geschichte in der Erzählung nur sehr knapp wiedergegeben werden, Geschehnisse gänzlich übersprungen werden (Ellipsen) oder ein einziger Tag zehn Seiten beansprucht.
Eine sich verändernde Geschwindigkeit führt zu Diskontinuität im Verhältnis zwischen der Zeit der Geschichte (ZG) und der Pseudo-Zeit der Erzählung (ZE). Der Begriff „Pseudo-Zeit“ verweist auf einen bereits besprochenen Sachverhalt: Zeit ist in der diegetischen Welt etwas höchst Relatives und selten genau Angegebenes. Bei der Bestimmung von Geschwindigkeiten muss man sich damit abfinden, zwar die Typen relativ genau, Zeiträume aber nur, wie Genette sagt, über „einen statistischen Näherungswert“ (S. 62) feststellen zu können.

Die folgende Erzählung „Sonderbarer Rechtsfall in England“ Kleists soll Ihnen vor Augen führen, wie wichtig und gleichzeitig schwierig das Phänomen der Geschwindigkeit in der Narratologie ist. Versuchen Sie beim Lesen die Geschwindigkeit der Erzählung zu ermitteln. Der Text wird am Ende der Lerneinheit noch einmal eine Rolle spielen.

„Man weiß, daß in England jeder Beklagte zwölf Geschworne von seinem Stande zu Richtern hat, deren Ausspruch einstimmig sein muß, und die, damit die Entscheidung sich nicht zu sehr in die Länge verziehe, ohne Essen und Trinken so lange eingeschlossen bleiben, bis sie eines Sinnes sind. Zwei Gentlemen, die einige Meilen von London lebten, hatten in Gegenwart von Zeugen einen sehr lebhaften Streit miteinander; der eine drohte dem andern, und setzte hinzu, daß ehe vier und zwanzig Stunden vergingen, ihn sein Betragen reuen solle. Gegen Abend wurde dieser Edelmann erschossen gefunden; der Verdacht fiel natürlich auf den, der die Drohungen gegen ihn ausgestoßen hatte. Man brachte ihn zu gefänglicher Haft, das Gericht wurde gehalten, es fanden sich noch mehrere Beweise, und 11 Beisitzer verdammten ihn zum Tode; allein der zwölfte bestand hartnäckig darauf, nicht einzuwilligen, weil er ihn für unschuldig hielte.
Seine Kollegen baten ihn, Gründe anzuführen, warum er dies glaubte; allein er ließ sich nicht darauf ein, und beharrte bei seiner Meinung. Es war schon spät in der Nacht, und der Hunger plagte die Richter heftig; einer stand endlich auf, und meinte, daß es besser sei, einen Schuldigen loszusprechen, als 11 Unschuldige verhungern zu lassen; man fertigte also die Begnadigung aus, führte aber auch zugleich die Umstände an, die das Gericht dazu gezwungen hätten. Das ganze Publikum war wider den einzigen Starrkopf; die Sache kam sogar vor den König, der ihn zu sprechen verlangte; der Edelmann erschien, und nachdem er sich vom Könige das Wort geben lassen, daß seine Aufrichtigkeit nicht von nachteiligen Folgen für ihn sein sollte, so erzählte er dem Monarchen, daß, als er im Dunkeln von der Jagd gekommen, und sein Gewehr losgeschossen, es unglücklicher Weise diesen Edelmann, der hinter einem Busche gestanden, getötet habe. Da ich, fuhr er fort, weder Zeugen meiner Tat, noch meiner Unschuld hatte, so beschloß ich, Stillschweigen zu beobachten; aber als ich hörte, daß man einen Unschuldigen anklagte, so wandte ich alles an, um einer von den Geschwornen zu werden; fest entschlossen, eher zu verhungern, als den Beklagten umkommen zu lassen. Der König hielt sein Wort, und der Edelmann bekam seine Begnadigung.“

Heinrich von Kleist: Sonderbarer Rechtsfall in England. In: Ders.: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten. Herausgegeben von Helmut Sembdner. München 1978, S. 281f.


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