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Kommentierter Text Kathrin Schmidt "Koenigs Kinder"

Kommentierter Text Kathrin Schmidt „"Koenigs Kinder“"

 

| (A) Es sollte ein Abschied sein, denn Lioba bewegte sich nun ohne Umschweife auf die Balkontür zu, | (B) öffnete sie, | (C) bestieg über einen Klappstuhl die Brüstung | (D) und ließ sich kopfüber in die Tiefe fallen. | (D’) Nein, sie nahm federnd Schwung, während sie noch stand, | (E’) und stieß sich vom Betonriegel wie von einem Startblock ab. Es war ein makelloser Sprung. Wer ihn beobachtete, hatte das Gefühl, einer trainierten Athletin beim Wettkampfstart zuzuschauen. Nur, daß eine unendliche Ausdauerstrecke vor Lioba lag, mochte dazu nicht passen. Vor Ausdaueretappen gab es gewöhnlich Massenstarts, und es kam nicht darauf an, sich mit einem weiten und eleganten Startsprung einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Die Zeit der Erzählung pausiert kurz, um nebensächliche Informationen zu vermitteln. Es handelt sich um eine kontemplative Pause, deren narrativer Inhalt –- so Gérard Genette –- zeitlich und räumlich mit der sie ‚umgebenden’ Erzählung verbunden bleibt und anders als die deskriptive Pause nicht aus diesem raumzeitlichen Rahmen herausfällt. Wie alle hier kommentierten Formen des narrativen Tempos bringt auch die Pause die Zeit der Geschichte gegenüber der Zeit der Erzählung in ein ‚Missverhältnis’: Die (hypothetische) Deckungsgleichheit von ZE=ZG ist aufgehoben (Anisochronie). | (F) Lioba schloß die Augen und | (G) sah das Kind, die kleine Janina, die ihr in diesem Moment so ähnlich schien, daß sie glauben wollte, sie selbst sei es gewesen, | die da mit zerschnittener Kehle von einem Mann namens Marl aus der Sommerhitze genommen worden war. | (H) Mit der kleinen Janina hatte es angefangen, daß die Dinge ihre Kehrseite zurückbekamen, Das Summary verknappt vorangegangene Ereignisse des Romans und aktualisiert sie analeptisch. Das Mädchen wird zu Beginn der Erzählung aufgefunden und dient als Mittelpunkt der Beziehungen in den Biografien verschiedener Figuren, die einander oft nicht kennen und zudem ihre eigene Vergangenheit verschweigen oder suchen. Bevor sie aus dem Fenster sprang, erfuhr Lioba von Ida Bergner einiges über ihren tatsächlichen Vater. und | (I) während Lioba auf den Boden zustürzte, | (J) konnte sie es erkennen: Sie sah ihren Vater, | (a) wie er dem Kind, das sie war, den Hals öffnete, | (b) ihm das scharfe Taschenmesserchen, das er zum Pilzesuchen stets bei sich trug in der dafür üblichen Jahreszeit, seitlich in den noch kaum der Unfühlbarkeit entwachsenen Kehlkopf stieß, | (c) daß die Klinge auf der anderen Seite wieder austreten mußte, | (d) nicht ohne einen starken Fluß Blut hervorzurufen, | (e) der schließlich über das nach hinten gedrückte Gesicht des Kindes ins kniehohe Gras lief. | (f) Daß er es nicht getan hatte, verlor alle Bedeutung angesichts der Ruhe, die vor ihr lag. Für die sie ihm dankte. Die er ihr endlich geschenkt hatte. | (g) Mehr konnte ein Vater nicht tun. In dieser kontemplativen Pause geht es um den Tod des Mädchens. Die Perspektive Liobas relativiert das Ereignis jedoch zur Imagination. | (K) Lioba atmete, | sah in einer unermeßlichen Verzögerung die Balkons unter dem ihren an sich vorbeigleiten. | (L) Sie lächelte, weil nun die Pflanzen verkehrtherum aus den Blumenkästen wuchsen und jeden Moment herausfallen mußten. Daß sie sich irrte, merkte sie zwar, | (M) überlegte aber doch, die Geranien zu einem gestreckten Salto aus den Kästen zu überreden, um ihr zu folgen. Sie womöglich zu überholen. Dann könnte sie inmitten der Blumen liegen, obenauf. Sie wußte, daß sie nicht genug Geschmack besaß, das Arrangement vorteilhaft aussehen zu lassen. Die kontemplative Pause gibt dem Leser Einblick in Liobas Gedanken. Wie auch bei der Pause im Segment (J) wird der narrativ eingeschobene Inhalt an die gegenwärtige Situation rückgebunden. Lioba „erkennt“ und sieht die erzählten Ereignisse. Außerdem hatte sie niemals Glück gehabt mit ihren eigenen Pflanzen. | (N) Über die Jahre hatte sie hin und wieder versucht, ein paar Tagetes und Astörtchen aufzupäppeln, aber unter ihrer Hand waren nach einigen Wochen nur verlauste, klebrige Strünke übriggeblieben. Die externe Analepse, die vergangene Ereignisse an das gegenwärtige Geschehen anschließt, verdichtet mehrere ähnliche Augenblicke der Geschichte zu einem Summary: Die Züchtung der Blumen und ihr baldiges Ableben. Die Pflanzenwelt konnte also kein Interesse daran haben, ihr einen üppigen, theatralischen Abgang zu verschaffen. Der ohnehin nicht zu ihr paßte. Was für ein Glück. | (O) Lioba dachte an den frischen Kakao, der in ihrem Schrank auf Frau Koenig wartete. | (P) Sie öffnete den Mund, um es Ida Bergner dort oben noch einmal einzuschärfen: | (a) Frau Koenig war ein besonderer Gast, da mußte man aufpassen!, | (b) aber sie würde es nicht mehr zuwege bringen, ihre Stimme hinaufzuschicken. | (Q) Lioba fiel und war glücklich, | (R) sie fand es nun schade, | (a) daß sie erst jetzt eine Vorstellung davon bekam, wie das Glück sich anfühlte, wenn es sich in ihrem Inneren auftat. | (b) Wenn es nicht nur eine außerhalb ihrer Haut befindliche, günstige Konstellation der Umstände bedeutete. Nichts war hier günstig, und sie war glücklich. | (c) Froh, daß sie den Absprung geschafft hatte. | (d) Die Lücke, | (e) die sie hinterließ, | (d) würde den anderen bessere Möglichkeiten eröffnen, davonzukommen. | (f) Wenn es ihrem Vater auch nicht einfallen würde, das zu begreifen: Sie hatte ihn endlich ausgelöst aus der Haft, die das Wort Vati für ihn bedeutete. | (g) Sie würde ihm auch nicht mehr sagen müssen, daß sie Herrn Koenig kennengelernt hatte. | (h) Daß sie wußte, welche Fortsetzung diese Jugendfreundschaft genommen hatte. | (i) Und auch für Koenig und dessen Ziehtochter würde es besser sein, daß es keine Lioba mehr gab, die ihn zur Strecke bringen mußte, | (j) um ihm zu entkommen. | (k) Es fühlte sich gut an, auf nichts mehr hoffen zu müssen.

Kathrin Schmidt: Koenigs Kinder. Köln 2002, S. 335–337.