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Implizite Ellipse

Implizite Ellipse

Bei einer impliziten Ellipse weist der Text nicht auf sie hin, er bleibt sozusagen ‚stumm‘. Der Leser muss sie aus einer „chronologischen Lücke“ oder aufgrund von „Unterbrechungen der narrativen Kontinuität“ (S. 77) erkennen. Er wird zur aktiven Mitarbeit angehalten, wie im folgenden Beispiel:


Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer. Ich will es nicht laut sagen, aber ich wohne tiefer. Ich will es deshalb nicht laut sagen, weil ich nicht übersiedelt bin. Ich kam gestern abends aus dem Konzert nach Hause, wie gewöhnlich Samstag abends, und ging die Treppe hinauf, nachdem ich vorher das Tor aufgesperrt und den Lichtknopf gedrückt hatte. Ich ging ahnungslos die Treppe hinauf […]. [I]ch wußte, daß ich noch ein Stockwerk über mir hatte. Ich öffnete deshalb die Augen wieder, um die letzte Treppe hinaufzugehen, und sah in demselben Augenblick ein Namensschild an der Tür links vom Lift. Hatte ich mich doch geirrt und war schon vier Treppen gegangen? […] Dabei sah ich in dem Licht, das aus dem Vorzimmer auf den Flur fiel, die Tafel, die das Stockwerk bezeichnete. Dort stand: Dritter Stock. Ich lief hinaus, drückte auf den Lichtknopf und las es noch einmal. Dann las ich die Namensschilder auf den übrigen Türen. Es waren die Namen der Leute, die bisher unter mir gewohnt hatten. […] Seither liege ich wach und denke darüber nach, was morgen werden soll. […] Ich frage mich, was geschehen wäre, wenn ich das Konzert gelassen hätte. Aber diese Frage ist von heute an ebenso müßig geworden wie alle anderen Fragen. Ich will einzuschlafen versuchen.
Ich wohne jetzt im Keller. Es hat den Vorteil, daß eine Aufräumefrau sich nicht mehr um die Kohlen hinunterbemühen muß, wir haben sie nebenan, und sie scheint ganz zufrieden damit. […] Seit ich im Keller wohne, geh ich auch an manchen Abenden wieder ins Konzert. Meist samstags, aber auch öfter unter der Woche. Ich konnte es schließlich auch dadurch, daß ich nicht ging, nicht hindern, daß ich eines Tages im Keller war.“

Ilse Aichinger: Wo ich wohne. In: Dies.: Meine Sprache und ich. Erzählungen. Frankfurt am Main 1978, S. 76–80; hier S. 76–79.


Die Umsiedlung vom dritten Stock in den Keller ist durch eine implizite Ellipse getrennt. Im Text ist nicht markiert, wie viel Zeit dazwischen verstrichen ist. Der Satz „Ich will einzuschlafen versuchen“ ruft die Erwartung einer Kontinuität der Narration hervor. Der daran anschließende Satz „Ich wohne jetzt im Keller“ zeigt jedoch an, dass in der Abfolge ein Zeitsprung vollzogen wurde. Dieser wird im Verlauf der Erzählung analeptisch konkretisiert („Seit ich im Keller wohne, geh ich auch an manchen Abenden wieder ins Konzert“), doch nicht genau erschlossen. Es ist nicht klar, wie viel Zeit verstrichen ist und ob zwischen dem dritten Stock und dem Keller auch die dazwischen liegenden Etagen Wohnort waren.