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Kontemplative Pause

Kontemplative Pause

Eine kontemplative Pause hat, wie Genette bemerkt, „nie den Stellenwert einer Erzählpause, einer Unterbrechung der Geschichte oder […] der ‚Handlung‘ […] d. h. nie fällt der deskriptive Abschnitt aus der Zeitlichkeit der Geschichte heraus.“ (S. 71) Dennoch wäre sie zur bloßen Umsetzung des narrativen Inhalts der Geschichte in einer Erzählung nicht notwendig. Die kontemplative Pause ist eine Hilfestellung des Erzählers für den Leser, manchmal allerdings ist sie auch ein Mittel der Steuerung. Häufig dient sie der Betrachtung [frz. ‚contemplation‘] der Sicht des ‚Helden‘. Dem Leser wird auf diese Weise der Blickwinkel einer Figur näher gebracht, weshalb die kontemplative Pause systematisch mit der Fokalisation zusammenhängt, die in der Lerneinheit „Modus“ behandelt wird.


„Der Diener räumte ab und verschwand. Georg zündete sich eine Zigarette an, dann ging er nach seiner Gewohnheit in dem großen, dreifenstrigen, nicht sehr hohen Zimmer hin und her und wunderte sich, wie dieser Raum, der ihm durch viele Wochen wie verdüstert erschienen war, allmählich doch das frühere freundliche Aussehen wiederzugewinnen begann. Unwillkürlich ließ er seinen Blick auf dem leeren Sessel am oberen Tischende ruhen, über den durch das offene Mittelfenster die Septembersonne hinfloß, und es war ihm, als hätte er seinen Vater, der seit zwei Monaten tot war, noch vor einer Stunde dort sitzen gesehen; so deutlich stand ihm jede, selbst die kleinste Gebärde des Verstorbenen vor Augen, bis zu seiner Art die Kaffeetasse fortzurücken, den Zwicker aufzusetzen, in einer Broschüre zu blättern.

Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. In: Ders.: Gesammelte Werke. Die erzählenden Schriften, Band 1. Frankfurt am Main 1961, S. 635–958; hier S. 635.


Der Blick der Figur Georg streift in diesem Textabschnitt Schnitzlers durch einen Raum. Dabei verbindet sich die Beschreibung desselben mit der Perspektive Georgs – offenbart in Impressionen (er „wunderte sich, wie dieser Raum, der ihm durch viele Wochen wie verdüstert erschienen war“). Diese treffen mit Erinnerungen bzw. erinnerten Bildern zusammen („so deutlich stand ihm jede […] Gebärde des Verstorbenen vor Augen“).
Die Betrachtung zeigt die innerliche Tätigkeit der Figur sowie die Verknüpfung mit Ereignissen der Geschichte (der „Vater, der seit zwei Monaten tot war“) und bildet somit keine Pause von Erzählen oder Handeln.