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Die narrativen Tempi

Die narrativen Tempi

Laut Genette (S. 67) gibt es in der narrativen Tradition, vor allem des Romans, vier Grundverhältnisse, die „zu den Formen des kanonischen Tempos im Roman geworden sind“. Diese narrativen Tempi werden im Folgenden kurz vorgestellt und auf den kommenden Seiten ausführlich erläutert.

1. Summary
Das Summary, oft auch summarische Erzählung genannt, folgt der Formel ZE<ZG. Die Zeit der Erzählung ist kleiner als die Zeit der Geschichte. Es werden Geschehnisse, die in der Geschichte eine längere Zeitspanne umfassen, zusammenfassend (eben summarisch) in wenigen Sätzen oder Seiten erzählt.

2. Pause
Bei der Pause entspricht ein beliebig großes Segment des narrativen Diskurses einer diegetischen Dauer „Null“: ZE=n ZG=0. Die Zeit der Erzählung wäre damit größer als die Zeit der Geschichte, potentiell sogar unendlich viel größer, denn die Geschichte pausiert sozusagen. Dies ist der Fall, wenn der Erzähler sein Erzählen unterbricht, um Hinweise einzuschieben, etwas zu beschreiben (deskriptive Pause) oder zu kommentieren.

3. Ellipse
Die Ellipse ist das Gegenteil der Pause. Während dort ein Segment der Erzählung keine Entsprechung in der Geschichte hat, weist hier umgekehrt ein Segment der Geschichte keine Entsprechung in der Erzählung auf: ZE=0 ZG=n. Informationen der Geschichte fehlen folglich in der Erzählung, ein Nullsegment der Erzählung entspricht einer beliebig langen Dauer der Geschichte: ZE<∞ZG. Kurz gesagt, markiert eine Ellipse eine Fehlstelle in der Erzählung.

4. Szene
Die Szene zeichnet sich durch zeitliche Deckungsgleichheit von Erzählung und Geschichte aus, weshalb es sich dabei meist um Dialoge handelt: ZE=ZG.

 

„Die kanonischen Formen reduzieren sich de facto auf die vier aufgezählten Tempi.“ (S. 68) Denkbar wäre allerdings eine fünfte Form, die sich analog zum Summary bilden ließe: ZE>ZG. Um diesem Typ zu entsprechen, müsste die Zeit der Erzählung die der Geschichte übersteigen, was nur bei einem zeitlupenartigen Tempo der Fall wäre. Handlungen oder Ereignisse müssten sehr viel detaillierter berichtet werden, als man sie erleben oder vollziehen würde. Genette geht auf diesen Fall nicht mehr weiter ein, in der (deutschsprachigen) Literatur lassen sich allerdings durchaus Beispiele dafür finden. „Zeitlupenerzählen“ markiert Extremsituationen, in denen die Empfindung von Zeitdehnung auf diese Weise umgesetzt werden kann – beispielsweise wenn Figuren sich in einer lebensbedrohlichen Lage befinden (siehe den am Ende dieser Lerneinheit behandelten Text von Kathrin Schmidt).