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Zusammenführung

Zusammenführung

Der Roman von Grass – der Textausschnitt zeigt es exemplarisch – ist ein recht komplexes Gewebe von narrativen Ebenen, die tatsächlich ineinander übergehen. Der extradiegetische Erzähler, sich Handlungen einbildend, geht ganz in seiner Rolle als Regisseur der diegetischen Welt auf (Regiefunktion). Etwas Übersichtlichkeit und Systematik mag der Versuch erbringen, die narrativen Ebenen zu entflechten.
Der extradiegetische Erzähler erzählt in erster Linie seine Gegenwart als Schreiber und den Einfluss der Tagebucheinträge, den diese auf den Inhalt der nächsthöheren Ebene haben. Diese Narration ist eine gleichzeitige und durch das Präsens markiert (bei aller Vorsicht, mit der mit grammatischen Indizien umzugehen ist).
In Bezug auf die Erzählung erster Stufe sind die Einträge eingeschobene Erzählungen mit einer eigenständigen narrativen Instanz, dem Witwer. Er berichtet das Ereignis, wie er die Witwe an Allerseelen trifft, nachzeitig im klassischen epischen Präteritum: „Es mag an diesem Tag, zu dieser Stunde – Schlag zehn Uhr – Fügung gewesen sein“ usf.

Soweit erscheint oberflächlich alles ‚regelrecht‘ geordnet, würde das narrative Verhalten des extradiegetischen Erzählers nicht ein interessantes Problem aufwerfen, das sich mit höherstufigen Erzählungen verbindet. Für gewöhnlich – etwa in Giovanni Boccaccios „Das Dekameron“ oder den „Erzählungen der Schehersâd aus den tausendundein Nächten“ – sind die diegetischen Inhalte der Erzählung erster Stufe von denen der zweiten oder höheren Stufe präzise abzugrenzen und die Hierarchie der Erzähler eindeutig: Ohne die Einbindung eines intradiegetischen Erzählers in die Welt eines extradiegetischen Erzählers existiert eine Erzählung höherer Ebene nicht. Bei „Unkenrufe“ jedoch stellen die Tagebucheinträge eingeschobene Narrationen dar, bei denen der Status des Erzählers als vom extradiegetischen Erzähler abhängige ‚Stimme‘ fragwürdig ist. Die Hypothese, dass der Witwer in seinen Einträgen etwas erzählt, darf ohne Zweifel bestätigt werden. Aber nicht allein er spricht von einem Ereignis, sondern sein Tagebuch fungiert als Stellvertreter – die Narration wird an ein Dokument überantwortet, das der extradiegetische Erzähler zwecks Informationsanreicherung (nur ?) hinzuzieht und zitiert. Sie haben eine explikative Funktion, die Umstände und Verlauf einer Begegnung dem Rezipienten nahe bringen.
Etwas schwieriger wird die Angelegenheit noch, wenn man bedenkt, welcher Erzähler welchen Inhalt darbietet. Ein erhebliches theoretisches Problem wirft nämlich die Tatsache auf, dass zwei Erzähler ein- und dasselbe berichten, sich jedoch auf scheinbar verschiedenen Stufen befinden. Würde man die Allerseelen-Geschichte als Inhalt der Erzählung zweiter Stufe betrachten, würde das bedeuten, dass der extradiegetische Erzähler in diese Geschichte per Metalepse eingreift und gleichzeitig auf ihre Konstruiertheit hinweist. Siedelte man die Allerseelen-Geschichte umgekehrt auf der diegetischen Ebene an, würde der Erzähler zweiter Stufe auf diesen Inhalt zugreifen – ebenfalls per Metalepse. Oder sind etwa beide Erzählungen gleichrangig, sind beide Erzähler extradiegetisch? Sollte der Erzähler der extradiegetischen Ebene einen gleichrangigen zweiten Erzähler fingieren?
Die von Genette gemeinte Verwirrung an der Transgression zwischen verschiedenen narrativen Ebenen tritt an diesem Punkt der Überlegungen ein und wäre nur über einen theoretischen Exkurs lösbar. Zumindest bestätigt sich Genettes Feststellung, der Typus der eingeschobenen Narration sei „a priori der komplexeste, da es sich um eine Narration mit mehreren Instanzen handelt und da sich die Geschichte und die Narration hier dergestalt verwickeln können, daß letztere auf erstere reagiert“ (S. 155). Die Wirkung des Ganzen leuchtet ein: In der Rekonstruktion der Begegnung von Witwer und Witwe spielt der „Zufall“ auf struktureller (narrativer) Ebene offenbar keine Rolle. Die Einschübe von Tagebüchern, Briefen, etc. erwecken stets den Eindruck einer „Fügung“, einer bewußten Organisation des narrativen Diskurses.






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