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Beglaubigungsfunktion

Beglaubigungsfunktion

Der Leser ist dem Erzähler ausgeliefert. Er muss die Geschichte, die er von diesem erzählt bekommt, zunächst einfach so glauben. Insofern muss sich der Erzähler eigentlich nicht weiter anstrengen. Dennoch finden sich immer wieder Erzähler in Texten, die sich selbst und ihre Rolle thematisieren. In diesen Fällen gehen sie auf die Frage ein, welchen Anteil sie an einer Geschichte und den dargebotenen Informationen haben. Diese testimoniale Funktion, die der Beglaubigung dient, sichert die Stellung des Erzählers als ehrlich und wahrhaftig. Wichtig ist das vor allem, wenn sich der Erzähler als eine Art Verwalter von Informationen betrachtet:

Nachbericht des Herausgebers

welcher aus Versehen des Abschreibers
zu einem Vorberichte gemacht worden

 

Ich muß es dem guten Willen der Leser überlassen, ob sie glauben wollen oder nicht, daß dieses Buch den Don Ramiro von Z***, der einige Jahre Gesandtschafts-Secretarius bei einem bekannten Spanischen Minister an einem deutschen Hofe gewesen, zum Verfasser habe. Ich meines Orts gestehe, daß ich die spanische Handschrift nicht selbst in Händen gehabt; allein mein Freund, der Herr Übersetzer, erzählt mir in einem Schreiben, worin er mir aufträgt, die Ausgabe dieses Werks zu besorgen, eine so umständliche und wohlzusammen hangende Geschichte der besagten Handschrift und ihrer seltsamen Schicksale, der Ursachen warum, ungeachtet des günstigen Urteils, so der Erzbischof von T*** davon gefällt, dieselbe in Spanien niemalen zum Druck gelangen können, und auf was Art sie, vor einigen Jahren in seine Hände gekommen; daß ich mir die Mühe nicht geben mag, an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln.“

Christoph Martin Wieland: Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva. In: Ders.: Werke. Band 1: Romane I. München 1964, S. 7–372; hier S. 9.