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Kommunikationsfunktion

Kommunikationsfunktion

So seltsam es scheinen mag: Manchmal sind beim Erzählen einer Geschichte weder der Inhalt noch das Verhältnis des Erzählers zum Erzählten wichtig. Es geht ganz einfach nur darum, dass erzählt wird, also um die Erzählsituation. Der Erzähler übernimmt in diesem Fall eine Kommunikationsfunktion, er hält durch sein Erzählen Kontakt mit dem Adressaten. Es kann Situationen geben, in denen es insgesamt um nichts anderes geht, als dass jemand einem anderen irgendwas erzählt. So geht es Kindern, denen eine Bezugsperson eine Geschichte zum wiederholten Mal erzählen soll, schon längst nicht mehr um die Geschichte, die sie meist auswendig kennen, sondern um die Zuwendung und den Kontakt, den sie dadurch erhalten.

In literarischen Texten spielt diese Funktion eher punktuell eine Rolle – immer dann, wenn der Leser direkt angesprochen wird:

Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, daß ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und privates… Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Freunde und Angehörigen gewidmet, auf daß sie, wenn sie mich verloren haben, darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsverfassung wiederfinden…“

Max Frisch: Montauk. In: Ders.: Sämtliche Werke in zeitlicher Folge. Herausgegeben von Hans Mayer unter Mitwirkung von Walter Schmitz. 12 Bände. Band VI.2: Wilhelm Tell für die Schule. Kleine Prosaschriften. Dienstbüchlein. Montauk. 2. Auflage. Frankfurt am Main 1976, S. 617–754; hier S. 619.