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Regiefunktion

Regiefunktion

Manchmal kann es vorkommen, dass der Erzähler sich als Organisator einer Erzählung in den Mittelpunkt rückt. Seine Funktion ist es dann nicht vorrangig, eine Geschichte zu erzählen, sondern die Erzählung als narrativen Text herauszustellen und seine Organisation zu verdeutlichen. Damit weist er sich als Regisseur des Erzählten aus, er lenkt das Augenmerk des Lesers auf seine Regiefunktion.

Das Problem des ersten Satzes ist Schriftstellern und allen, die häufig schreiben, geläufig. Nicht selten werden diese Anfangsschwierigkeiten zu Beginn einer Erzählung auch thematisiert, wie zum Beispiel bei Johannes Bobrowskis Roman „Levins Mühle“:

Es ist vielleicht falsch, wenn ich jetzt erzähle, wie mein Großvater die Mühle weggeschwemmt hat, aber vielleicht ist es auch nicht falsch. Auch wenn es auf die Familie zurückfällt. Ob etwas unanständig ist oder anständig, das kommt darauf an, wo man sich befindet – aber wo befinde ich mich? –, und mit dem Erzählen muß man einfach anfangen. Wenn man ganz genau weiß, was man erzählen will und wieviel davon, das ist, denke ich, nicht in Ordnung. Jedenfalls es führt zu nichts. Man muß anfangen, und man weiß natürlich, womit man anfängt, das weiß man schon, und mehr eigentlich nicht, nur der erste Satz, der ist noch zweifelhaft.
Also den ersten Satz.

Die Drewenz ist ein Nebenfluß in Polen.
Das ist der erste Satz. Und da höre ich gleich: Also war dein Großvater ein Pole. Und da sage ich: Nein, er war es nicht. Da sind, wie man sieht, schon Mißverständnisse möglich, und das ist nicht gut für den Anfang. Also einen neuen ersten Satz.
Am Unterlauf der Weichsel, an einem ihrer kleinen Nebenflüsse, gab es in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein überwiegend von Deutschen bewohntes Dorf.
Nun gut, das ist der erste Satz.

Johannes Bobrowski: Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater. In: Ders.: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band 3: Die Romane. Stuttgart 1999, S. 7–223; hier S. 9.