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Metalepsen

Metalepsen

Die eben behandelten Ebenen scheinen unüberwindbar, sind es aber nicht. Immer wieder kommt es zu Transgressionen, das heißt zu Überschreitungen der Ebenen. Ein solches Durchbrechen einer Ebene wird Metalepse genannt. „Der Übergang von einer narrativen Ebene zur anderen kann prinzipiell nur von der Narration bewerkstelligt werden, einem Akt, der genau darin besteht, in einer bestimmten Situation erzählend – durch einen Diskurs – eine andere Situation zu vergegenwärtigen.“ (S. 167)

Im Wesentlichen kann dies auf zwei Arten geschehen: über narrative Metalepsen oder pseudo-diegetische Narrationsformen.

1. Bei der narrativen Metalepse wird die Grenze zwischen dem Raum der narrativen Instanz und dem fiktiven Raum der Erzählung überschritten. Der Autor tut beispielsweise so, als bewirke er die Dinge, von denen er schreibt, selbst. Er hält sich also nicht an den unaufgeschriebenen Vertrag mit dem Leser, diesen bei seinem Eintauchen in eine andere Welt nicht zu stören, und erinnert ihn stattdessen daran, dass es sehr wohl eine Welt hinter der fiktionalen gibt. Deshalb bemerkt Genette richtig: „Das Verwirrendste an der Metalepse liegt sicherlich in dieser inakzeptablen und doch so schwer abweisbaren Hypothese, wonach das Extradiegetische vielleicht immer schon diegetisch ist und der Erzähler und seine narrativen Adressaten, d. h. Sie und ich, vielleicht auch noch zu irgendeiner Erzählung gehören.“ (S. 169) Die Metalepse verletzt die „bewegliche, aber heilige Grenze zwischen zwei Welten: zwischen der, in der man erzählt, und der, von der erzählt wird“ (S. 168f.). Die Effekte solcher Grenzverletzungen sind vielfältig – sie wirken manchmal beängstigend, manchmal komisch, oft bizarr, aber immer verwirrend; Figuren bezeichnen sich selbst als fiktiv und von einem Autor erschaffen, Figuren eines Textes werden mit dem Roman, dessen Gegenstand sie sind, selbst konfrontiert usw.

Ein Meister der Metalepse ist Thomas Mann:

„‚Es gilt‘, sprach Grigorß, und sie taten einander darauf Bescheid mit ihrem Würzbier, einem sehr guten Trank, mit Nägelein, den ich selbst nie gekostet, den ich aber mit Vergnügen durch ihrer beider Gurgeln gleiten lasse. Sehr oft ist das Erzählen nur ein Substitut für Genüsse, die wir selbst oder der Himmel uns versagen.“

Thomas Mann: Der Erwählte. Frankfurt am Main 2002, S. 123.


2. Eine weitere Form der Metalepse ist die Pseudo-Diegese, von der Genette selbst anmerkt, dass sie kaum von der narrativen Metalepse unterscheidbar ist. Eine Narration ist dann als pseudo-diegetisch einzustufen, wenn eine Erzählung auf einer Stufe als einer anderen Stufe zugehörig ausgewiesen wird, wenn also beispielsweise eine Metadiegese als Diegese erscheint. Es wird so getan, als handle es sich um eine Erzählung auf der intradiegetischen Ebene, obwohl es genau betrachtet bereits eine Erzählung zweiter Stufe sein muss. Genau dasselbe kann mit einer Erzählung erster Stufe geschehen – ein Erzähler der intradiegetischen Ebene wird auf die extradiegetische gerückt. Durch dieses Verschieben der Ebenen lässt sich die Distanz zwischen Narration und Geschichte vergrößern oder verkleinern.

Peter Weiss arbeitet in der „Ästhetik des Widerstands“ sehr häufig mit der Pseudo-Diegese. Immer wieder werden in dem Roman Reden von Figuren gehalten, deren Inhalte die diegetische Ebene nach und nach ,überblenden‘. Die Aussagen der Figuren sind dann mitunter nicht mehr als solche zu erkennen, da sie wie Erzählerrede auf extradiegetischer Ebene wirken. Im hier zitierten Ausschnitt werden die Ausführungen Heilmanns zum Herakles-Mythos eingangs noch als indirekte Rede im Konjunktiv II wiedergegeben und damit als metadiegetisch gekennzeichnet. Der markierte Satz wird demgegenüber scheinbar auf einer extradiegetischen Ebene geäußert.

„Seine [Heilmanns] Worte aber, die im Lärm verlorengingen, gegen fremde Gesichter prallten, befaßten sich schon längst wieder mit dem Schritt, den Herakles getan hatte, weg vom Privileg eines Bündnisses mit dem Olymp auf die Seite der Irdischen, und allmählich erst konnten wir den Erwägungen folgen, welche Art von Wendungen Herakles dabei vollzogen, welche Fehler er begangen und, vielleicht, welche Erkenntnisse er auf seinen Fahrten gewonnen hatte. Die Richtung, die er solchermaßen einschlug, war von Anfang an vorgezeichnet, denn gegen die Intrigen der Mächtigen lehnte er sich bereits als Säugling auf. Hera, Schwester und Gemahlin des Zeus, hatte der vom Göttervater geschwängerten, in den Wehen liegenden Alkmene aus Eifersucht den Bauch abgeklemmt, um die Geburt des Herakles zu verzögern. Hier zeige sich, sagte Heilmann, der Bruch, aus dem unversöhnlicher Widerstreit wurde, denn in der Leibesfrucht sei der Aufruhr gegen das Bestehende vorgebildet gewesen, und mit Ränken und Verschlagenheit wurde versucht, das Überlieferte zu erhalten. Es sollte an diesem Tag, so hatte Zeus feierlich den versammelten Größen verkündet, ein neuer Herrscher zur Welt kommen, einer, von dem er sich viel versprach. Was er damit meinte, war, wie üblich, den Sterblichen unergründlich, die Himmelskönigin aber witterte Unheil, denn die Umtriebe ihres Gatten waren ihr zur Genüge bekannt ….

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Band 1. Frankfurt am Main 1988 (= es 1501), S. 18f.


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