Springe direkt zu Inhalt

Narrative Ebenen

Narrative Ebenen

In der Peter-Geschichte ist der Narrationsakt denkbar einfach konstruiert: Ein distanzierter Erzähler, der alles weiß, berichtet, was Peter in der Vergangenheit geschehen ist. Der Erzähler selbst befindet sich also außerhalb der Erzählung, er ist auf der extradiegetischen Ebene zu suchen. Das Erzählte befindet sich logischerweise auf der diegetischen Ebene, die Erzählung ist diegetisch oder intradiegetisch, was dasselbe meint. Mit jeder weiteren Erzählung in der Erzählung geht es jetzt wie bei einer Treppe Stufe um Stufe höher: „Jedes Ereignis, von dem in einer Erzählung erzählt wird, liegt auf der nächsthöheren diegetischen Ebene zu der, auf der der hervorbringende narrative Akt dieser Erzählung angesiedelt ist.“ (S. 163)

Nun könnte man dieses Konstrukt rund um Peter und den Kuchen noch ein wenig komplexer gestalten, indem man Peter in die Schule gehen und alles seinem Freund Jörg erzählen lässt: „‚Was ist denn mit dir los?‘, fragte Jörg in der Pause. ‚Ach, mir ist da was Blödes passiert.‘ ‚Was denn? Erzähl mal!‘, forderte Jörg seinen Freund auf. ‚Na ja, heute Nacht bin ich aufgewacht. Und irgendwie hatte ich Hunger...‘“

Die nun folgende Erzählung aus Peters Mund befindet sich bereits wieder eine Stufe über der Erzählung der extradiegetischen Instanz. Es handelt sich um eine Erzählung in der Erzählung, eine Erzählung zweiter Stufe auf der metadiegetischen Ebene. „Die narrative Instanz einer ersten Erzählung ist also per definitionem extradiegetisch, die narrative Instanz einer zweiten (metadiegetischen) Erzählung per definitionem diegetisch usw.“ (S. 163) In einer Erzählung kann auf potenziell beliebig vielen Stufen erzählt werden. Die folgende Grafik veranschaulicht am Modell einer Erzählung mit drei narrativen Ebenen die Beziehung von Erzähler zu diegetischem Inhalt.

narrative_ebenen

 

Diese eben anhand der Peter-Geschichte getroffene Unterscheidung zwischen den Ebenen darf nicht zu der Ansicht verleiten, jede extradiegetische Narration sei schriftlich und jede intradiegetische mündlich. Das ist zwar häufig so, muss aber nicht sein. Die Erläuterung der eingeschobenen Narration hat beispielsweise gezeigt, dass eine Narration auf zweiter Stufe möglich ist, die in Form eines Tagebucheintrags oder Briefes erfolgt. Ebenso gut könnte man sich vorstellen, dass sich eine Figur in einer Erzählung über Gesten äußert, die eine andere Figur oder der Erzähler in Worte fassen.

In dem folgenden Ausschnitt handelt es sich allerdings wieder um einen mündlichen Bericht. Der extradiegetische Erzähler in Franz Fühmanns Erzählung „Das Judenauto“ erinnert sich an den Sommer im Jahr 1931. Klassenkameradin Gudrun, die als intradiegetische Erzählerin fungiert, stürmt in die Schule und berichtet Aufregendes:

„Plötzlich fühlte ich eine seltsame Angst. ‚So red schon!‘ schrie ich Gudrun an, und auch die anderen Jungen schrien, und wir drängten uns um die Mädchen, die Gudrun umdrängten, und Gudrun wiederholte in hastigen, fast schreienden Sätzen ihren Bericht: Ein Judenauto sei, so sprudelte sie heraus, in den Bergen aufgetaucht und fahre abends die wenig begangenen Wege ab, um Mädchen einzufangen und zu schlachten und aus ihrem Blut ein Zauberbrot zu backen; es sei ein gelbes, ganz gelbes Auto, so redete sie, und Mund und Augen waren vor Entsetzen verzerrt: ein gelbes, ganz gelbes Auto mit vier Juden drin, vier schwarzen mörderischen Juden mit langen Messern, und alle Messer seien blutig gewesen, und vom Trittbrett habe auch Blut getropft, das hätten die Leute deutlich gesehen, und vier Mädchen hätten sie bisher geschlachtet, […].“

Franz Fühmann: Das Judenauto. In: Ders.: Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle. Das Judenauto und andere Erzählungen. Stuttgart 1995 (= RUB 9858), S. 3–12; hier S. 5f.