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Die spätere Narration

Die spätere Narration

Die meisten Erzählungen werden im Präteritum geschrieben (episches Präteritum), womit der zeitliche Abstand zwischen Narration und Geschichte deutlich, aber nicht genau bestimmt bleibt. Das liegt daran, dass meist die Geschichte datierbar ist (entweder werden Zeitangaben gemacht oder eine Datierung lässt sich erschließen), aber die Narration lediglich als ‚später‘ charakterisiert werden kann. Wie viel Zeit zwischen den erzählten Ereignissen und ihrem Bericht liegt, bleibt unklar: „Im Gegensatz zur gleichzeitigen oder eingeschobenen Narration, die von ihrer Dauer und den Beziehungen zwischen dieser Dauer und derjenigen der Geschichte lebt, lebt die spätere Narration von dem Paradox, daß sie zugleich eine zeitliche Stelle hat (in bezug auf die vergangene Geschichte) und ein unzeitliches Wesen, da sie über keine eigene Dauer verfügt.“ (S. 159)
Auf diese Weise ergibt sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten, diese Distanz seitens des Erzählers zu vergrößern oder zu verringern. Die Dauer seines Erzählens ist dagegen „instantan“ (S. 159). Es scheint ein Akt ohne zeitliche Ausdehnung zu sein.

Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ arbeitet ganz klassisch mit der späteren Narration und setzt mit einer Anspielung auf ein „freudig verwirrendes Erlebnis“ eines Kellners ein.

Der Kellner des Gasthofes ‚Zum Elephanten‘ in Weimar, Mager, ein gebildeter Mann, hatte an einem fast noch sommerlichen Tage ziemlich tief im September des Jahres 1816 ein bewegendes, freudig verwirrendes Erlebnis. Nicht, daß etwas Unnatürliches an dem Vorfall gewesen wäre; und doch kann man sagen, daß Mager eine Weile zu träumen glaubte.
Mit der ordinären Post von Gotha trafen an diesem Tage, morgens kurz nach 8 Uhr, drei Frauenzimmer vor dem renommierten Hause am Markte ein, denen auf den ersten Blick - und auch auf den zweiten noch - nichts Sonderliches anzumerken gewesen war.“

Thomas Mann: Lotte in Weimar. 33. Auflage. Frankfurt am Main 2000, S. 9.


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