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Die gleichzeitige Narration

Die gleichzeitige Narration

Die gleichzeitige Narration scheint am einfachsten, da sie lediglich verlangt, die Erzählung so zu gestalten, dass Narration und Geschichte völlig übereinstimmen. Wenn die Peter-Geschichte gleichzeitig erzählt würde, müsste man sie ins Präsens umsetzen: „Peter wird wach. Weshalb schreit seine Mutter denn so? Er läuft in die Küche. ‚Was ist mit dem Kuchen passiert?‘, wird er gefragt, kaum dass er das Zimmer betreten hat. ‚Ach der. Na ja, ich hatte heute Nacht Hunger.‘“ Die Vorteile dieser Erzählweise liegen klar auf der Hand: Die Erzählung wirkt unmittelbarer, der Narrationsakt tritt in den Hintergrund. Gerade deshalb ist die gleichzeitige Narration aber auch längst nicht so ‚einfach‘ wie sie scheint. Wenn der Erzählvorgang selbst in den Hintergrund tritt, bleiben weniger Spielräume der Umgestaltung einer Geschichte. So verbieten sich beispielsweise Anachronien größeren Ausmaßes sowie kontemplative Pausen. Der Erzähler hat bei einer gleichzeitigen Narration im Wesentlichen nur eine einzige Aufgabe: zu berichten, was er eben gerade sieht, und das schließt, so Genette, „temporale Spielereien“ aus (S. 156).
Übrigens muss man beim Analysieren in diesem Fall vorsichtig sein: Erzählungen im Präsens scheinen stets simultan abzulaufen, müssen es aber nicht. Es kann sich beispielsweise auch um eine iterative Schilderung handeln, die ins Präteritum umschwenkt.
Judith Hermann nutzt in ihren Erzählungen häufig das Präsens, um die Basis des Erzählens zu markieren. So zum Beispiel in ihrer Erzählung „Kaltblau“:

„Das Paket kommt früh am Morgen. Der Postbote verlangt eine Nachlösegebühr, weil Jonas zuwenig Porto daraufgeklebt hat, das Paket ist an beide adressiert, an Jonina und Magnus, Magnus schläft. Jonina setzt sich auf das graue Sofa am Fenster, es ist noch dunkel, und sie muß das Licht anmachen.“

Judith Hermann: Kaltblau. In: Nichts als Gespenster. Frankfurt am Main 2003, S. 61–120; hier S. 61.