Springe direkt zu Inhalt

Stimme

Stimme

Die narrative Instanz

Wenn man einen Erzähltext liest, hat man immer wieder den Eindruck, die gelesenen Worte hätten eine menschliche Quelle. Der Leser meint, eine Stimme zu hören, die ihn – mal mehr, mal weniger direkt – als Individuum anspricht. Dieser Eindruck einer menschlichen Narrationsinstanz lässt sich allerdings wissenschaftlich nur schwer fassen. „Diese Schwierigkeiten machen sich vor allem in einem, sicherlich unbewußten, Zögern bemerkbar, die Autonomie oder auch nur die Spezifität dieser Instanz anzuerkennen und zu respektieren: Einerseits [...] reduziert man die Fragen des narrativen Aussagevorgangs auf die des point of view; andererseits identifiziert man die narrative Instanz mit der ‚Schreib‘-Instanz, den Erzähler mit dem Autor und den Adressaten der Erzählung mit dem Leser des Werks.“ (S. 152)
Mit Genette ist zunächst klarzustellen, dass der Schreiber eines Textes und die Erzählinstanz im Text keineswegs verwechselt werden dürfen. Die durchaus wichtigen Unterscheidungen von konkretem Autor/Leser und abstraktem bzw. implizitem Autor/Leser werden allerdings im Folgenden außer Acht gelassen. Sie werden in dem Onlinekurs „Einführung in die Literaturtheorie“ in den Modulen zu Autor und Leser behandelt.

Unter dem Kapitel „Stimme“ behandelt Genette diejenigen ,Spuren‘, die eine narrative Instanz in einer Erzählung hinterlässt, wobei diese Erzählinstanz natürlich nicht invariabel bleiben muss. Es kann ineinander verschachtelte Erzählungen mit jeweils unterschiedlichen Narrationsinstanzen geben.

Gérard Genette untersucht nacheinander drei Kategorien, „die in Wirklichkeit gleichzeitig in der Erzählung fungieren“ (S. 153): die Zeit der Narration, die narrative Ebene und die Person, das heißt den Erzähler und seine Präsenz in der Erzählung.