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Kommentierter Text Hofmannsthal "Reitergeschichte"

Kommentierter Text Hugo von Hofmannsthal „Reitergeschichte“

 

| (A) Als der Wachtmeister mit dem schönen Beutepferd zurückritt, warf die in schwerem Dunst untergehende Sonne eine ungeheure Röte über die Hutweide. Auch an solchen Stellen, wo gar keine Hufspuren waren, schienen ganze Lachen von Blut zu stehen. Ein roter Widerschein lag auf den weißen Uniformen und den lachenden Gesichtern, die Kürasse und Schabracken funkelten und glühten, und am stärksten drei kleine Feigenbäume,

Das Wort „schienen“ gibt gegensätzliche Hinweise auf den Fokalisierungstypus:
1. Das Wissen des Erzählers geht über das der Figur (Wachtmeister) hinaus, denn der Schein wird als solcher erkannt. Er klärt damit auf, dass es sich um keine Blutlachen handelt. Dies verweist auf Nullfokalisierung.
2. Eine Figur (Wachtmeister) vermutet Blutlachen, ‚sieht‘ sie. Ihr scheint so als seien es Blutlachen. Dieser Verweis auf ihren Wahrnehmungshorizont spricht für interne Fokalisierung.
Das Beispiel macht deutlich, wie relevant einzelne Lexeme für die Bestimmung des narrativen Modus sein können, aber auch wie zweifelhaft oftmals die Schlussfolgerung bleibt. Die Analyse muss daher berücksichtigen, dass „in Ermangelung hinreichend scharfer Definitionen [...] einige Segmente unentscheidbar bleiben können“ (S. 242).
Das gesamte, mehrere Sätze umfassende Segment (A) ist neben dem notwendigen Verb „zurückritt“ eine deskriptive Pause vom Erzählen der Handlungen.

| (B) an deren weichen Blättern die Reiter lachend die Blutrinnen ihrer Säbel abgewischt hatten. Die Analepse (B) weist ebenso auf Nullfokalisierung: Das nachträglich erzählte Ereignis entzieht sich dem Wissen und der Perspektive der Figur (Erzähler > Figur). | (C) Seitwärts der rotgefleckten Bäume hielt der Rittmeister und neben ihm der Eskadronstrompeter, | (D) der die wie in roten Saft getauchte Trompete an den Mund hob und Segment (D) enthält die modalisierende Wendung „wie“. Die Umschreibung kann somit das Mehr an Wissen des Erzählers (die Trompete sieht nur so aus, als sei sie in roten Saft getaucht) anzeigen, doch mit gutem Grund auch auf interne Fokalisierung hinweisen. [vgl. Anmerkung Segment (A)] | (E) Appell blies. | (F) Der Wachtmeister ritt von Zug zu Zug | (G) und sah, daß die Schwadron nicht einen Mann verloren und dafür neun Handpferde gewonnen hatte. | (H) Er ritt zum Rittmeister | (I) und meldete, immer den Eisenschimmel neben sich, der mit gehobenem Kopf tänzelte und Luft einzog, wie ein junges, schönes und eitles Pferd, das es war. Es handelt sich um eine narrativisierte Rede ohne jegliches Anreißen des Inhalts - was der Wachtmeister meldet, ist unbekannt. | (J) Der Rittmeister hörte die Meldung nur zerstreut an. Das Wörtchen „zerstreut“ kann entweder die Nullfokalisierung bestätigen (das Wissen um einen zerstreuten Innenzustand) oder eher auf eine Außensicht und damit externe Fokalisierung deuten (der Rittmeister wirkt aus der Außenperspektive zerstreut). | (K) Er winkte den Leutnant Grafen Trautsohn zu sich, | (L) der dann sogleich absaß | (M) und mit sechs gleichfalls abgesessenen Kürassieren hinter der Front der Eskadron die erbeutete leichte Haubitze ausspannte, | (N) das Geschütz von den sechs Mannschaften zur Seite schleppen | (O) und in ein von dem Bach gebildetes kleines Sumpfwasser versenken ließ, | (P) hierauf wieder aufsaß und, | (Q) nachdem er die nunmehr überflüssigen beiden Zuggäule mit der flachen Klinge fortgejagt hatte, | (R) stillschweigend seinen Platz vor dem ersten Zug wieder einnahm. | (S) Während dieser Zeit verhielt sich die in zwei Gliedern formierte Eskadron nicht eigentlich unruhig, es herrschte aber doch eine nicht ganz gewöhnliche Stimmung, durch die Erregung von vier an einem Tage glücklich bestandenen Gefechten erklärlich, die sich im leichten Ausbrechen halb unterdrückten Lachens sowie in halblauten untereinander gewechselten Zurufen äußerte. Auch standen die Pferde nicht ruhig, besonders diejenigen, zwischen denen fremde erbeutete Pferde eingeschoben waren. Das Wissen über und der Blick auf die Gleichzeitigkeit der Ereignisse („Während dieser Zeit“) zeugt vom Typus der Nullfokalisierung. Zudem handelt es sich nicht nur um ein erzähltes Ereignis, sondern auch um eine Erklärung desselben („durch die Erregung von […] Gefechten erklärlich“). | (T) Nach solchen Glücksfällen schien allen der Aufstellungsraum zu enge, und solche Reiter und Sieger verlangten sich innerlich, nun im offenen Schwarm auf einen neuen Gegner loszugehen, einzuhauen und neue Beutepferde zu packen. Nullfokalisierung, bestätigt durch die Vermittlung der inneren Perspektive bzw. Gefühlslage aller Soldaten („schien allen der Aufstellungsraum zu enge“, „verlangten sich innerlich“). Dies geht über das Wissen einer Figur hinaus. | (U) In diesem Augenblicke ritt der Rittmeister Baron Rofrano dicht an die Front seiner Eskadron, und | (V) indem er von den etwas schläfrigen blauen Augen die großen Lider hob, | (W) kommandierte er vernehmlich, aber ohne seine Stimme zu erheben: „Handpferde auslassen!“ Berichtete Rede mit ausführlicher Inquitformel. | (X) Die Schwadron stand totenstill. | (Y) Nur der Eisenschimmel neben dem Wachtmeister streckte den Hals und berührte mit seinen Nüstern fast die Stirne des Pferdes, auf welchem der Rittmeister saß. | (Z) Der Rittmeister versorgte seinen Säbel, | (AA) zog eine seiner Pistolen aus dem Halfter, und | (BB) indem er mit dem Rücken der Zügelhand ein wenig Staub von dem blinkenden Lauf wegwischte, | (CC) wiederholte er mit etwas lauterer Stimme sein Kommando | (DD) und zählte gleich nachher „eins“ und „zwei“. Nachdem er das „zwei“ gezählt hatte, | (EE) heftete er seinen verschleierten Blick auf den Wachtmeister, Wie auch die „schläfrigen blauen Augen“ (V) verdeutlicht der „verschleierte Blick“ Rofranos die Außensicht auf ihn. | (FF) der regungslos vor ihm im Sattel saß | (GG) und ihm starr ins Gesicht sah. Während Anton Lerchs starr aushaltender Blick, in dem nur dann und wann etwas Gedrücktes, Hündisches aufflackerte und wieder verschwand, eine gewisse Art devoten, aus vieljährigem Dienstverhältnisse hervorgegangenen Zutrauens ausdrücken mochte, war sein Bewußtsein von der ungeheuren Gespanntheit dieses Augenblicks fast gar nicht erfüllt, sondern von vielfältigen Bildern einer fremdartigen Behaglichkeit ganz überschwemmt, und aus einer ihm selbst völlig unbekannten Tiefe seines Innern stieg ein bestialischer Zorn gegen den Menschen da vor ihm auf, der ihm das Pferd wegnehmen wollte, ein so entsetzlicher Zorn über das Gesicht, die Stimme, die Haltung und das ganze Dasein dieses Menschen, Das erzählte Aufflackern in den Augen des Wachtmeisters weist zunächst auf eine Außenperspektive. Was sonst sein Blick verrät, wird vermutet (was er „ausdrücken mochte“). Die darauffolgende Schilderung des Innenlebens des Wachtmeisters ist in Form der narrativisierten Rede (Bewusstseinsbericht) vermittelt. So weist diese Passage auf Nullfokalisierung hin, da sowohl eine Innen- als auch eine Außenperspektive existiert und damit das Wissen einer Figur überschritten wird. Die Mutmaßung über den Ausdruck des Wachtmeisterblickes schwächt diese Schlussfolgerung allerdings wieder ab. wie er nur durch jahrelanges enges Zusammenleben auf geheimnisvolle Weise entstehen kann. Die Wendung „wie er nur durch jahrelanges Zusammenlegen auf geheimnisvolle Weise entstehen kann“ bietet eine Erklärung für die vorstehend erzählte Bewusstseinsbewegung. Damit wird der Typus der Nullfokalisierung fortgesetzt. Es handelt sich allerdings um einen pauschalisierenden Erzählerkommentar, der mit dem Wort "geheimnisvoll" das Mehr an Wissen des Erzählers einschränkt und enthüllt, dass über die näheren Umstände im konkreten Fall der Figur nichts bekannt ist. Ob aber in dem Rittmeister etwas Ähnliches vorging, oder ob sich ihm in diesem Augenblicke stummer Insubordination die ganze lautlos um sich greifende Gefährlichkeit kritischer Situationen zusammenzudrängen schien, bleibt im Zweifel: Der Modus der externen Fokalisierung ist in diesem Satz nicht durch das Weglassen von Informationen erkennbar, sondern durch eine explizite Benennung der Leerstelle. Der Erzählerkommentar liefert somit selbst die Paralipse und durchbricht die Nullfokalisierung. | (HH) Er hob mit einer nachlässigen, beinahe gezierten Bewegung den Arm, | (II) und indem er, die Oberlippe verächtlich hinaufziehend, „drei“ zählte, | (JJ) krachte auch schon der Schuß, | (KK) und der Wachtmeister taumelte, in die Stirn getroffen, mit dem Oberleib auf den Hals seines Pferdes, | (LL) dann zwischen dem Braun und dem Eisenschimmel zu Boden. | (MM) Er hatte aber noch nicht hingeschlagen, als auch schon sämtliche Chargen und Gemeinen sich ihrer Beutepferde mit einem Zügelriß oder Fußtritt entledigt hatten | (NN) und der Rittmeister, seine Pistole ruhig versorgend, die von einem blitzähnlichen Schlag noch nachzuckende Schwadron dem in undeutlicher dämmernder Entfernung anscheinend sich ralliierenden Feinde aufs neue entgegenführen konnte.


Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte. In: Wolfdietrich Rasch (Hg.): Dichterische Prosa um 1900. Tübingen 1970, S. 43–54; hier S. 52ff.