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Alterationen

Alterationen

Wie schon erwähnt, wechseln die Fokalisierungen in einer Erzählung für gewöhnlich. Meist allerdings ist eine dominante Fokalisierung festzustellen, die dann den Code der Erzählung bestimmt. Ein Fokalisierungswechsel „läßt sich auch als momentaner Verstoß gegen den Code verstehen, der diesen Kontext beherrscht, ohne daß dies die Existenz des Codes in Frage stellen würde“ (S. 138).

Je nach vorherrschendem Code erweist sich ein Fokalisierungswechsel deshalb entweder als Paralepse oder als Paralipse: „[E]ntweder werden weniger Informationen gegeben, als an sich gegeben werden müßten [Paralipse], oder es werden mehr gegeben, als der Fokalisierungscode, der das Ganze beherrscht, an sich gestattet [Paralepse].“ (S. 139)

Bei einer Paralipse werden „im Code der internen Fokalisierung Handlungen oder Gedanken aus[ge]lassen, die für den fokalen Helden wichtig sind, und die sowohl ihm wie dem Erzähler bekannt sein müssen, die der Erzähler dem Leser aber lieber vorenthält“ (S. 139).

Umgekehrt liegt eine Paralepse vor, wenn es z. B. im Modus der externen Fokalisierung einen Übergang zur ‚Mitsicht‘ mit einer Figur gibt (was zusätzliche Informationen beschert) bzw. im Modus einer festen internen Fokalisierung den Wechsel zu den Gedanken einer Person, die nicht die fokale ist. (vgl. S. 140) In beiden Fällen gibt es einen Informationsüberschuss.


In „Das Brot“ von Wolfgang Borchert ist die namenlose Frau (für die nur ein Pronomen steht) die Figur, aus deren Sicht die Ereignisse der Erzählung wahrgenommen werden. Sowohl das Erwachen als auch der Gang in die Küche und die Situationsbeschreibung verlaufen entlang ihrer Gedanken und Blicke. Nur in der markierten Passage wird dieser Fokalisierungscode durch die kontrastierenden Gedanken des Mannes („er“) durchbrochen:


„Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. […] Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, daß er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkroch. Und sie sah von dem Teller weg. ‚Ich dachte, hier wär was‘, sagte er und sah in der Küche umher. ‚Ich habe auch was gehört‘, antwortete sie und dabei fand sie, daß er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt. ‚Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuß auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich noch.‘ Sie sah in nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, daß er log. Daß er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren. ‚Ich dachte, hier wäre was‘, sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andere, ‚ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was.‘“

Wolfgang Borchert: Das Brot. In: Ders.: Das Gesamtwerk. Hamburg 1991, S. 304–306; hier S. 304f.