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multiple interne Fokalisierung

Interne Fokalisierung

multiple interne Fokalisierung

3. Es kann vorkommen, dass ein Ereignis von mehreren Figuren beschrieben wird. Genette nennt dies multiple interne Fokalisierung. Meist unterscheiden sich diese Schilderungen stark voneinander und offenbaren unterschiedliche Interpretationen. Ein Gerichtsprozess ist meist die Präsentation multipler Fokalisierung.

In dem Roman „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ von Kathrin Schmidt verliert Ottilie in den Kriegswirrungen ihre Mutter (Therese) und ihren Sohn (Rudolph). Dieses Ereignis wird sowohl von Therese – im ersten Textausschnitt – als auch von Ottilie – im zweiten – erinnert.

„An einer Wegbiegung zwischen den Orten Wuschken und Ruschken war es gewesen, als Thereses Tochter der Mutter den elfjährigen Rudolph – sein Glied hockte noch klein und unbenutzt im Winkel zwischen den schlaksigen Beinen, wie hätte er damals ahnen können, Josephas Vater zu werden! – mit einem Strumpfband ans Handgelenk fesselte und für Augenblicke, wie sie sagte, nach hinten lief, den verlorenen Schnürsenkel ihres linken Schuhs zu suchen. Therese wußte sofort, und dies war ein typisches Beispiel fraglosen Begreifens unter den Frauen der Schlupfburggenerationen, daß ihre Tochter auf lange weder Schnürsenkel noch Sohn wiedersehen würde und daß fortan sie selbst, Therese, für dessen Aus- und Weiterkommen in fremder Heimat verantwortlich war. Das rasche Begreifen des Verschwindens ihrer Tochter in gegenläufiger Richtung hinderte Therese daran, sie über den Suchdienst des Roten Kreuzes ausfindig machen oder sie über Radiosendungen und das späterhin übliche Fernsehen suchen zu lassen, aber es verhinderte nicht, daß sich die Hoffnung, man könnte einander eines Tages unverhofft begegnen, unter ihrer Haut nährte und aufwuchs.“
(S. 13)

„Oft denkt sie an ihren Sohn Rudolph, den sie einst an einer ostpreußischen Weggabelung verlor und nie mehr hat wiederfinden können. Nun gut, sie muß zugeben, ihn nicht ausdauernd gesucht zu haben in den Jahren danach, aber, und da sei der höchste der Götter vor, nicht aus mangelnder Liebe, sondern weil sie sich ihrer Mutter Therese sehr sicher war, die nach ihr gefahndet haben mußte mit all ihren verschiedenen Kräften. Wenn die nichts hatte ausrichten können, war eine Familienzusammenführung einfach nicht vorgesehen im Gang der Geschichte, davon war Ottilie überzeugt und hatte sich nicht weiter bemüht, auch wenn in ihren Träumen hin und wieder das schlackernde Gemächt ihres einstmals heranwachsenden Sohnes baumelte und ihr Enkelkinder vorgaukelte, die es sicher unterdessen gab und die womöglich selbst schon wieder begonnen hatten, eine Generation zu zeugen.
(S. 64f.)

Kathrin Schmidt: Die Gunnar-Lennefsen-Expedition. 3. Auflage. Köln 1998.