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variable interne Fokalisierung

Interne Fokalisierung

variable interne Fokalisierung


2. Eine variable interne Fokalisierung liegt vor, wenn auf mehr als nur eine Figur intern fokalisiert wird. Dieser Modus bezieht sich somit auf den Wechsel, die Variation der sehenden bzw. wissenden Figur.


„Den müsse er gar nicht erst kennenlernen, sagte sie und strahlte Hans an; sie sehe ja schon, daß er, Hans, nicht zu dem passe, deshalb wisse sie auch, daß sie mit ihm so gut fahren werde. Und die neugierigen Blicke der Nachbarn bestätigten ihr jetzt schon, daß sie einen guten Griff getan hatte. Ganz abgesehen davon, daß der junge Herr ohne Zögern bereit gewesen war, vierzig Mark Miete zu bezahlen, während die Tänzerin sich erst nach langem Handeln entschlossen hatte, fünfunddreißig zu geben. (Das erfuhr Hans allerdings erst sehr viel später von einer Nachbarin.) Unter den prüfenden Blicken der Bewohner verließ er die Traubergstraße, in der er jetzt ein Zimmer sein eigen nannte. Er war froh, so schnell ein Zimmer gefunden zu haben, und hätte sich am liebsten gleich hingelegt, ein bißchen auszuruhen, aber er hätte dann allein bei den Kindern in der Wohnung bleiben müssen, und wenn die etwas anstellten, wenn sie sich verletzten, dann mußte er einspringen, diese Vorstellung war ihm unangenehm. Und dann würde um fünf Herr Färber kommen, nichts ahnend würde er eintreten, Beumann müßte alles erklären, nein, da wartete er schon lieber, bis um elf die Frau zurück war, die sollte ihrem Mann die Neuigkeit selbst überbringen, dann genügte es, wenn er eintrat, sich kurz vorzustellen, seine Ruhebedürftigkeit in einem Satz zu erklären, und er konnte sich in sein Zimmer einschließen und schlafen.

Martin Walser: Ehen in Philippsburg. Frankfurt am Main 1998 (= st 2974), S. 19f.


Der Textausschnitt aus Martin Walsers Roman setzt in dem Moment der Erzählhandlung ein, als die Figur Hans Beumann neuer Untermieter der Frau Färber („sie“) geworden ist.
Zunächst markiert die vermittelte ‚Mitsicht’ der Wahrnehmungen Frau Färbers eine interne Fokalisierung auf diese Figur: Sie registriert die Blicke der Nachbarn als „neugierig“ und interpretiert sie als Bestätigung ihrer Entscheidung („bestätigten ihr“). Ihre darauf folgende Reflexion über den Mietpreis in Form einer unmittelbaren (Gedanken-)Rede bekräftigt darüber hinaus noch die interne Fokalisierung in diesem Segment (rot markiert).
Wenige Sätze später wechselt die Perspektive. Der Wahrnehmungsfokus geht nun von Beumann aus, erkennbar an seinen Überlegungen über den Verlauf der ersten Nacht im neuen Zuhause, denn diese gestalten sich ebenso in Form einer unmittelbaren Rede (blau markiert).

Die im Text grün gefärbte Bemerkung „(Das erfuhr Hans allerdings erst sehr viel später von einer Nachbarin)“ macht deutlich, dass an dieser Stelle die interne Fokalisierung auf Frau Färber verlassen wird. Somit kann sie als Markierung des Fokalisierungswechsels gesehen werden. Hingegen ist nicht klar, ob der Satz schon die interne Fokalisierung auf Hans anzeigt oder als eingeschobener Erzählerkommentar Nullfokalisierung signalisiert. Für die erste Annahme spricht, dass er auf den Wissensstand von Hans rekurriert und seine Perspektive enthält. Doch Hans erhält diesen Informationsstand erst zeitlich später, so dass nicht von einer situativen ‚Mitsicht‘ seiner Wahrnehmung auszugehen ist, was die Vermutung eines unfokalisierten Modus verstärkt.
So befindet sich dieses Beispiel innerhalb der Grauzone der Interpretation und macht die Schwierigkeit deutlich, im Einzelfall zwischen Nullfokalisierung und interner Fokalisierung zu unterscheiden. Genette weist darauf mehrmals hin (S. 136). In der Lerneinheit „Problematisierung“ wird darauf noch näher eingegangen.