Springe direkt zu Inhalt

feste interne Fokalisierung

Interne Fokalisierung

feste interne Fokalisierung

Bei der internen Fokalisierung unterscheidet Genette drei verschiedene Ausprägungen:

1. Von einer festen internen Fokalisierung kann gesprochen werden, wenn die Erzählung überwiegend aus dem Sehen und Wissen einer Figur besteht:

„Als einmal das Mädchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden blickte, fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen mageren Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft seines Körpers seinen Schädel und schmetterte ihn seufzend in seine Handflächen, die auf den Steinen auflagen.
In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die oft ihr eingewickeltes Köpfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese Aufmerksamkeit schien ihn glücklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen Ausbrüche ließ er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich wären. Ich fand das ungebührlich und beschloß, ihn anzureden, wenn er aus der Kirche ginge, und ihn auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Ja, ich war ärgerlich, weil mein Mädchen nicht gekommen war. Aber erst nach einer Stunde stand er auf, schlug ein sorgfältiges Kreuz und ging stoßweise zum Becken. Ich stellte mich auf dem Weg zwischen Becken und Tür auf und wußte, daß ich ihn nicht ohne Erklärung durchlassen würde. Ich verzerrte meinen Mund, wie ich es immer als Vorbereitung tue, wenn ich mit Bestimmtheit reden will. Ich trat mit dem rechten Beine vor und stützte mich darauf, während ich das linke nachlässig auf der Fußspitze hielt; auch das gibt mir Festigkeit.
Nun ist es möglich, daß dieser Mensch schon auf mich schielte, als er das Weihwasser in sein Gesicht spritzte, vielleicht auch hatte er mich schon früher mit Besorgnis bemerkt, denn jetzt unerwartet rannte er zur Türe hinaus. Die Glastür schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der Türe trat, sah ich ihn nicht mehr, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war mannigfaltig.“

Franz Kafka: Gespräch mit dem Beter. In: Ders.: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Max Brod. Band 4. Frankfurt am Main 1976, S. 9–15; hier S. 9.


Die Erzählung von Franz Kafka schildert die Begegnung und Unterhaltung mit dem Betenden. Dies geschieht aus der Perspektive und mit dem Wissensstand des „Ich“: die Informationen über den Betenden (so hat er beispielsweise keinen Namen, weil er sich der Figur nicht vorstellt) und sein Verhalten. Wohin er in diesem Textausschnitt entschwunden ist, ist nicht bekannt, auch nicht, ob er den Beobachter bemerkt hat oder nicht (das sind die Vermutungen der sehenden Figur). Es ist weiterhin nicht klar, ob der Betende die Aufmerksamkeit der Frauen wirklich sucht – dass er sich umblickt und nachschaut, „ob die zuschauenden Leute zahlreich wären“ ist ebenfalls die Ansicht der wahrnehmenden Figur.