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Interne Fokalisierung

Interne Fokalisierung

Bei der internen Fokalisierung sagt „der Erzähler [...] nicht mehr, als die Figur weiß“ (S. 134). Der Erzähler tritt demnach hinter die Figur und überlässt ihr die Sicht auf das Geschehen – allerdings nicht unbedingt auch die Schilderung der Ereignisse. „Restlos verwirklicht wird die interne Fokalisierung nur im ‚inneren Monolog‘ […].“ (S. 137)

Bei der Analyse ist zu beachten, dass eine interne Fokalisierung nicht dazu dienen soll, aus den Informationen, durch deren Augen man gerade auf das Geschehen blickt, auf das Innenleben der Figur zu schließen. Vielmehr geht es um das, was die Figur wahrnimmt (vgl. S. 137). Das allerdings gibt fast immer die Möglichkeit auf Rückschlüsse auf die innere Verfassung der Figur selbst.

Im folgenden Beispiel ist der Hass der Figur zwar nicht irrelevant, entscheidend ist jedoch die Wahrnehmung der Fahrt durch den Tunnel, die den Hass letztlich erklärt. Als Nullfokalisierung wäre die Tortur längst nicht so eindringlich zu beschreiben:

„Er haßte diese Bahnen mit ihrem ewigen Gerüttel, Gestampf und Gepolter, mit ihren jagenden Bildern; – er haßte sie und mit ihnen die meisten anderen der sogenannten Errungenschaften dieser sogenannten Kultur.
Durch den Gotthard allein … es war wirklich eine Tortur, durch den Gotthard zu fahren: dazusitzen, beim Scheine eines zuckenden Lämpchens, mit dem Bewußtsein, diese ungeheure Steinmasse über sich zu haben. Dazu dieses markdurchschütternde Konzert von Geräuschen im Ohr. Es war eine Tortur, es war zum Verrücktwerden! In einen Zustand war er hineingeraten, in eine Angst, kaum zu glauben. Wenn das nahe Rauschen so zurücksank und dann wieder daherkam, daherfuhr wie die ganze Hölle und so tosend wurde, daß es alles in einem förmlich zerschlug … Nie und nimmer würde er nochmals durch den Gotthard fahren!“

Gerhart Hauptmann: Der Apostel. In: Ders.: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Hans-Egon Hass. Band 6: Erzählungen, Theoretische Prosa. Frankfurt am Main/Berlin 1963, S. 69–84; hier S. 69.


Genette behandelt die interne Fokalisierung nach dem „Minimalkriterium“, das Roland Barthes in seiner „Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen“ für den von ihm benannten „personalen Modus“ festsetzt: Demzufolge liegt eine interne Fokalisierung vor, wenn es möglich ist, bei dem entsprechenden Erzählsegment nur das Personalpronomen in die erste Person Singular umzuwandeln, ohne dass dies eine Modifikation der Rede bewirkt (vgl. S. 137).

Dies ist beispielsweise bei folgendem Satz der Fall:
„Peter betrachtete den verwüsteten Kuchen und erschrak.“

Ohne Probleme kann man diesen Satz umformulieren in:
„Ich betrachtete den verwüsteten Kuchen und erschrak.“

Das geht dagegen nicht in folgendem Fall:
„Peter hatte einen solchen Hunger, dass er nicht mehr nachzudenken schien. Er aß den Kuchen einfach so auf.“
Natürlich kann man „Peter“ durch „ich“ ersetzen, aber angesichts des Wörtchens „schien“ ergibt sich ein anderer Modus. Der Satz „ich schien nicht mehr nachzudenken“ weist weniger auf interne Fokalisierung denn auf innere Verunsicherung hin.

Zu bedenken ist, dass auch bei einer Ich-Form Modus und Stimme zu trennen sind. Abgesehen vom inneren Monolog muss der, der sieht, nicht mit dem, der spricht, identisch sein. Das heißt auch, dass ein ‚Ich‘ nicht unbedingt auf interne Fokalisierung schließen lässt.

Genettes Hinweis, dass die interne Fokalisierung „selten in aller Strenge praktiziert“ (S. 136) wird, erweist sich bei einer Analyse stets sehr schnell als wahr. Interne und Null-Fokalisierung sind häufig nur schwer voneinander abzugrenzen; fließende Übergänge sind üblich und verleihen Erzählungen vermutlich einen besonderen Reiz.