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Erzählung von Worten / Personentext

Erzählung von Worten/Personentext

„‚Was ist mit dem Kuchen passiert?‘, wurde er gefragt, kaum dass er das Zimmer betreten hatte. ‚Ach der. Na ja, ich hatte heute Nacht Hunger.‘“

Über einen Erzähler vermittelt werden hier zwei Sätze von zwei Figuren der Peter-Erzählung wiedergegeben. Ist „wiedergegeben“ das richtige Verb oder muss es heißen, zwei Sätze werden „erzählt“? Genau genommen kann niemand die Aussagen anderer erzählen, weshalb Genette auch von „kopieren“ spricht (vgl. S. 121).
Eine Redewiedergabe kann aber auf unterschiedliche Weise geschehen. Wie oben können die Aussagen als solche präsentiert werden. Möglich ist aber auch eine Beschränkung der Mitteilung auf die Redeinhalte:

„Er sollte erklären, wo das fehlende Kuchenstück geblieben war, und tat das mit zaghafter Stimme.“

Auch hier gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, denn was Peter geantwortet hat, wird in der zweiten Variante überhaupt nicht mitgeteilt. Es könnte also auch heißen: „Er sollte erklären, wo das fehlende Kuchenstück geblieben war, und gab zu, es in der Nacht gegessen zu haben.“

Es gibt also mehrere Möglichkeiten der Personenrede. Genette reduziert die Anzahl möglicher Formen auf drei, denkbar sind jedoch weitere. Zudem weist Genette darauf hin, dass sie sich nicht immer deutlich voneinander trennen lassen:


1. narrativisierte oder erzählte Rede
Dieser Form entspricht die zweite Variante der Peter-Erzählung: „Er sollte erklären, wo das fehlende Kuchenstück geblieben war, und tat das mit zaghafter Stimme.“ Auffällig ist die starke Distanzierung und Reduzierung. Es wird kein Dialog wiedergegeben, sondern nur sein Inhalt angesprochen. Dabei zählt alleine, dass er stattfindet, weil die Mutter wissen möchte, was mit dem Kuchen geschehen ist. Mit Genettes Worten handelt es sich um eine „Reduktion der Rede auf das Ereignis“ (S. 121).
Bezieht sich diese Reduktion nicht auf Gesprochenes, sondern auf Gedachtes, wird sie als Bewußtseinsbericht bzw. Psycho-Narration bezeichnet:

Matías Martínez/Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999. S. 55, basierend auf Dorrit Cohn (Transparent Minds: Narrative Models for Presenting Consciousness in Fiction. Princeton 1978).

„Peter war sich im Klaren darüber, dass es Ärger geben könnte. Er entschloss sich dazu, trotzdem die Wahrheit zu sagen.“


2. transponierte Rede
Gemeint ist damit, was man im Grammatikunterricht als indirekte Rede kennen lernt. Es wird nicht vorgetäuscht, dass eine Rede direkt und unmittelbar stattfindet. Das Gesprochene oder Gedachte wird zwar dem Rezipienten dargebracht, aber: „Die Anwesenheit des Erzählers ist bereits auf der Ebene der Syntax des Satzes so stark, daß die Rede nie die dokumentarische Autonomie eines Zitats erlangt.“ Der Rezipient weiß demnach nie, „wie die ‚wirklich‘ gesprochenen Worte aussahen“. (S. 122)

Angewendet auf den Beginn der Peter-Erzählung könnte die transponierte Rede folgendermaßen aussehen: „Peters Mutter fragte, was mit dem Kuchen passiert sei, kaum dass er das Zimmer betreten hatte. Peter antwortete etwas verängstigt, dass er wegen Hungers in der Nacht ein Stück gegessen habe.“

Als Sonderform der transponierten Rede behandelt Genette an dieser Stelle die erlebte Rede. Sie sei, so Genette, eine indirekte Rede ohne deklaratives Verb, so dass die Rede nicht in einen Nebensatz verbannt werde (vgl. S. 123). Unklar ist dabei die genaue Stellung der Aussage zwischen Figur und Erzähler sowie zwischen gesprochener und innerer Rede, wie bei dem letzten Satz unseres Beispieltextes: „Peters Mutter fragte, was mit dem Kuchen passiert sei, kaum dass er das Zimmer betreten hatte. Peter antwortete etwas verängstigt, dass er wegen Hungers in der Nacht ein Stück gegessen habe. Wieso konnte er auch nicht sagen.“


3. berichtete Rede
Bei dieser mimetischsten aller Formen von Personenrede werden Aussagen direkt wiedergegeben. Der Erzähler täuscht vor, dass eine Person tatsächlich spricht. Sequenzen mit berichteter Rede haben dramatischen bzw. szenischen Charakter.
Diesem Typus entspricht die erste Variante der Peter-Erzählung: „‚Was ist mit dem Kuchen passiert?‘, wurde er gefragt, kaum dass er das Zimmer betreten hatte. ‚Ach der. Na ja, ich hatte heute Nacht Hunger.‘“
Dabei macht die Tatsache, ob eine Inquitformel („wurde er gefragt“) vorhanden ist oder nicht (die Antwort Peters), einen erheblichen Unterschied. Durch eine Inquitformel macht der Erzähler auf sich aufmerksam, fehlt diese Angabe, verschwindet der Erzähler als erklärende und vermittelnde Instanz. Der Leser befindet sich sehr nah an der Figur – weniger Distanz ist nicht möglich.

Diese unmittelbare Rede ist vor allem als innerer Monolog bekannt geworden: „[...] wesentlich an dieser Rede ist, wie Joyce richtig gesehen hat, nicht so sehr, daß sie eine innere ist, sondern daß sie sich von Anfang an (‚von den ersten Zeilen an‘) von jeder narrativen Vormundschaft befreit und sich sofort in den Vordergrund der ‚Szene‘ schiebt.“ (S. 124) Dabei kann so ein innerer Monolog eine ganze Erzählung einnehmen oder auf einige Sequenzen beschränkt bleiben. Bei Martínez/Scheffel findet sich auf Seite 61f. alternativ der Begriff Bewusstseinsstrom (stream of consciousness).

Erlebte und unmittelbare Rede sind also deutlich voneinander zu unterscheiden: „In der erlebten Rede übernimmt der Erzähler die Figurenrede, d. h. die Figur spricht mit der Stimme des Erzählers und die beiden Instanzen werden vermengt; in der unmittelbaren Rede tritt der Erzähler völlig zurück und wird durch die Figur ersetzt.“ (S. 124)

Als Hilfestellung können Sie auf den kommenden Seiten eine grafische Darstellung der Formen der Personenrede über den Link „Organigramm Personenrede“ aufrufen.

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