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Erzählung von Ereignissen / Erzählertext

Erzählung von Ereignissen/Erzählertext

„Peter wurde wach. Weshalb schrie seine Mutter denn so? Er lief in die Küche. ‚Was ist mit dem Kuchen passiert?‘, wurde er gefragt, kaum dass er das Zimmer betreten hatte. ‚Ach der. Na ja, ich hatte heute Nacht Hunger.‘“

Dieser mögliche Beginn einer Erzählung, der bereits in der ersten Lerneinheit Verwendung fand, zeichnet sich durch einen hohen Grad an Mimesis aus. Man könnte die Erzählung jedoch auch anders beginnen lassen:

„Peter wurde durch den Schrei seiner Mutter geweckt. Er lief in die Küche. Seine Mutter war offensichtlich sehr zornig. Er sollte erklären, wo das fehlende Kuchenstück geblieben war, und tat das mit zaghafter Stimme.“

Diese zweite Version verzichtet auf Wirklichkeitseffekte – allenfalls die Wendung „mit zaghafter Stimme“ könnte als Mimesis-Illusion in Betracht gezogen werden. Erzählt wird nur, was der Leser braucht, um die Vorgänge verstehen zu können. Es geht weder um die Gedanken und Gefühle Peters noch um eine realistische Darstellung des Geschehenen. Wichtig sind nur die Vorgänge selbst, die in Sprache verwandelt werden.

In der Erzählung von Ereignissen wird stets Nichtsprachliches in Sprachliches umgesetzt. Dies geschieht, indem eine Erzählinstanz das Geschehene einem Rezipienten erzählt. Aus diesem Grund spielt bei der Beurteilung eines Erzähltextes immer auch eine Rolle, wie Erzählkonventionen zu unterschiedlichen Zeiten ausgesehen haben. Denn nur so kann eingeschätzt werden, wann etwas mehr oder weniger realistisch wirkt.

Denn natürlich kann auch nicht-mimetisches Erzählen mehr oder weniger mimetisch wirken. So wird Mimesis-Illusion in einem Erzählertext in erster Linie erzeugt durch die „Quantität der narrativen Information“, also die Menge an Details, die angeführt werden, ohne dass sie für die Erzählung unmittelbar nötig wären, und durch die „Abwesenheit (oder höchst schwache Anwesenheit) des Informanten, d. h. des Erzählers“ (S. 118).

In der ersten Variante des Erzählbeginns kommt eine erhöhte mimetische Wirkung dadurch zustande, dass der Erzähler mehrfach zurücktritt – wenn Peters Gedanken oder das kurze Gespräch mit der Mutter wiedergegeben werden. In der zweiten Variante fehlt das völlig. Der einzige Moment mimetischer Illusion kann sich hier durch den Zusatz einer Information ergeben, die für den Ereignisbericht nicht unbedingt nötig wäre: Der Zusatz „mit zaghafter Stimme“ deutet auf die Gefühle Peters hin, und die sind für den Ablauf der Ereignisse sekundär.

Mimetische Illusion zieht folglich eine Vielzahl an Informationen nach sich, die für die Wiedergabe der Ereignisse nicht nötig wären. Diesem Informationsmaximum steht allerdings ein Informantenminimum gegenüber. Der Erzähler – und damit die Instanz, die narrative Informationen bereithält – ist zwar vorhanden, rückt jedoch in den Hintergrund. „‚Zeigen‘ kann am Ende nur eine Weise des Erzählens sein, und diese Weise besteht darin, möglichst wenig zu sprechen und doch zugleich möglichst viel zu sagen […].“ (S. 118)
Demgegenüber beschränkt sich bei der Diegesis die Information auf ein Minimum, während der Informant deutlich Stellung bezieht. Zusammenfassend lässt sich also sagen, „[...] daß sich Informationsquantum und Anwesenheit des Informanten umgekehrt proportional zueinander verhalten, wobei die Mimesis durch ein Informationsmaximum und ein Informantenminimum, die Diegesis durch das umgekehrte Verhältnis definiert ist“. (S. 119)

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