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Distanz

Distanz


Im dritten Buch von Platons „Politeia“ wird zwischen Darstellung und reiner Erzählung unterschieden. Wenn der Dichter

„[…] irgendeine Rede vorträgt, als wäre er ein anderer, müssen wir nicht sagen, daß er dann seinen Vortrag jedesmal so sehr als möglich dem nachbildet, den er vorher ankündigt, daß er reden werde? [...] Nun aber sich selbst einem anderen nachbilden in Stimme oder Gebärde, das heißt doch den darstellen, dem man sich nachbildet? [...] In einem solchen Falle also, scheint es, vollbringen dieser und andere Dichter ihre Erzählung durch Darstellung.“

Plato: Politeia. Bearbeitet von Dietrich Kurz. Deutsche Übersetzung von Friedrich Schleiermacher. Darmstadt 1990, 393 c (Plato: Werke in acht Bänden. Herausgegeben von Gunter Eigler. Band 4).

Unterschieden wird demnach zwischen dem Fall, in dem der Dichter selbst spricht (diegesis) und dem, in dem der Dichter versucht, die Illusion zu erzeugen, nicht er sei es, der redet, sondern eine Figur (mimesis): „Der Gegensatz von diêgêsis und mimêsis läuft also […] darauf hinaus, daß die ‚reine Erzählung‘ distanzierter ist als die ‚Nachahmung‘: sie sagt es knapper und auf mittelbarere Weise.“ (S. 116)

Diese Unterscheidung war – unter Berücksichtigung der Ausweitung des Mimesisbegriffs durch Aristoteles – der Ausgangspunkt für zahlreiche moderne Überlegungen zu den Möglichkeiten des Erzählens. So unterschied Henry James zwischen zeigen (showing) und erzählen (telling) und gab damit Anlass für heftige Kritik, vor allem von Wayne Booth. Genette beschreibt das Problem folgendermaßen:

„Im Gegensatz zur dramatischen Darstellung kann keine Erzählung ihre Geschichte ‚zeigen‘ oder ‚nachahmen‘. Sie kann sie nur möglichst detailliert, präzis oder ‚lebendig‘ erzählen und dadurch eine Mimesis-Illusion hervorrufen, die die einzige Form narrativer Mimesis ist, aus dem einzigen, aber hinreichenden Grund, weil alle Narration, mündliche sowohl wie schriftliche, sprachlicher Natur ist und weil die Sprache bezeichnet ohne nachzuahmen. Es sei denn, der bezeichnete (erzählte) Gegenstand gehört selbst zur Sprache.“ (S. 117)

Kritisiert wird hier die Ansicht, eine Erzählung könne überhaupt irgendwie Ereignisse nachahmen. Die Distanz, die zwischen einem Geschehen und ihrem Bericht liegt, ist auf keinen Fall zu überbrücken. Es wird sie immer geben. Keine noch so lebendige Erzählung von Peters Kuchenessen in der Nacht kann die Tatsache beseitigen, dass das Essen in einer bestimmten Nacht zuvor passiert ist. Sie kann die zeitliche Distanz bestenfalls vergessen machen. Wenn man also in Bezug auf Erzählungen von Mimesis sprechen möchte, kann man nur von sprachlicher Mimesis sprechen, denn es ist natürlich möglich, den Eindruck von Mimesis dadurch zu erzeugen, indem man dramatische Elemente einführt. Mimesis meint bei Genette eben das: dialogische Erzählung.

„[...] das einzig vorstellbare Äquivalent zu Diegesis/Mimesis ist Erzählung/Dialog (narrativer Modus/dramatischer Modus), was sich auf keinen Fall durch erzählen/zeigen wiedergeben läßt, denn ein Zitieren von Worten wird man wohl kaum als ein ‚Zeigen‘ ansprechen dürfen.“ (S. 222)

Bei einer dialogfreien, reinen Erzählung – der Diegesis (nicht zu verwechseln mit Diegese, dem Erzähluniversum, in dem eine Geschichte spielt) – ist Mimesis unmöglich. Es kann nur unterschiedliche Grade der Diegesis geben. Aus diesem Grund unterscheidet Genette zwischen einer Erzählung von Ereignissen und einer Erzählung von Worten.