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Modus

Modi der Erzählung

Wird ein Fall vor Gericht verhandelt, werden alle zu den zu untersuchenden Vorkommnissen befragt – der oder die Angeklagte, das oder die Opfer und alle Zeugen. Obwohl ein jeder über dasselbe Ereignis spricht, unterscheiden sich die Darstellungen zumeist sehr, und das nicht nur, weil alle Beteiligten andere Intentionen mit ihrem Bericht verbinden.
Auch unabhängig von unterschiedlicher Wahrnehmung erzählen verschiedene Menschen unterschiedlich. Zum einen gibt es die Möglichkeit, die Blickwinkel zu wechseln, zum anderen kann man mehr oder weniger detailreich berichten:

„In der Tat kann man das, was man erzählt, mehr oder weniger nachdrücklich erzählen, und es unter diesem oder jenem Blickwinkel erzählen; und genau auf dieses Vermögen und die Weisen, es auszuüben, zielt unsere Kategorie des narrativen Modus: Die ‚Repräsentation‘ oder genauer gesagt die narrative Information hat verschiedene Grade; die Erzählung kann den Leser auf mehr oder weniger direkte Weise mehr oder weniger detailliert informieren und so […] eine mehr oder weniger große Distanz zu dem, was sie erzählt, zu nehmen scheinen […].“ (S. 115)

Hinsichtlich einer Analyse ist es daher keine unwichtige Entscheidung, ob eine Geschichte in der Ich-Form erzählt wird oder nicht. Es ist auch nicht egal, ob Informationen direkt vom Erzähler stammen oder aus der Rede einer Figur erschlossen werden müssen. Der Erzähler der Peter-Geschichte aus den vorangehenden Lerneinheiten hat beispielsweise bisher nur die Handlungen, Gedanken und Aussagen von Peter dargestellt, nie die von Anna. Er hat niemals berichtet, was Peters Mutter gedacht hat oder ob Anna enttäuscht war, als sie keinen ganzen Kuchen an ihrem Geburtstag vorfand. Nach Genette hat der Erzähler damit allein über die Wahl des Erzählmodus die narrative Information reguliert. „[D]ie beiden wesentlichen Weisen jener Regulierung“(S. 115), Distanz und Perspektive, werden in dieser Lerneinheit behandelt.