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Narratologische Analyse

Einleitung: Wozu Narratologie?

In der Literatur können Welten konstruiert werden, die einem in der Realität nicht begegnen. Ebenso gut aber kann man beim Lesen auf Figuren treffen, die einem sehr vertraut vorkommen. Seit Jahrtausenden gilt eben das als gefährlich: Literatur ermöglicht die Konstruktion neuer Welten und lässt gleichzeitig genügend Spielraum zur eigenen imaginativen Füllung. Der Leser taucht über Buchstaben in ein Textuniversum ein und erweckt es durch seine bildliche Vorstellungskraft zum Leben. Der Autor ist in diesem Fall sein Schöpfer. Er entscheidet, was der Leser erfährt, wie er es erfährt und wann er nichts mehr erfährt. Johannes Bobrowski hat diese Macht in der folgenden Erzählung eindrücklich demonstriert:

Albert Erich Knolle.
Das ist ein Name. Diesen Mann gibt es nicht. Wir stellen ihn erst her.
Wir sagen: Er hat Arme und Beine, einen Rumpf und die benötigten Organe. Einen Kopf mit allem, was dazu gehört, setzen wir ihm in der gleichen Weise auf.
Und jetzt bekleiden wir ihn mit einem grauen Anzug und schwarzen Schuhen und geben ihm einen Hut in die Hand. Jetzt soll er laufen, als ob er schon fertig wäre.
Da geht er. Was kann man noch über ihn sagen?
Er hat einen unordentlichen Gang.
Nicht daß er hinkte, er macht nur verschieden lange Schritte. Vielleicht, weil er denkt.
Dieser Mann verläßt eines Tages seine Familie, um ein Theaterstück zu schreiben, und kehrt wieder zurück, ohne es geschrieben zu haben.
Was sollte das für ein Stück werden, und warum hat er es nicht geschrieben?
Das Stück sollte Die Panne heißen. Es sollte in einem Industriewerk spielen. Es sollte kritisch sein.
Und der Mann Knolle hat sich überzeugen lassen, daß Kritik einen zersetzenden Charakter hat.
Nun also: Knolle, ohne Stück und in Gedanken. Unter Bäumen, die wir ihm eigens hingestellt haben, jetzt eben, sogenannten Kugelbäumen von tiefgrüner Farbe.
Da werden wir mal mit ihm reden und als erstes sagen: Guten Tag, Herr Knolle. Und danach sagen wir: Wie gehts, Herr Knolle? Und schließlich: Nun sagen Sie aber auch etwas.
Jetzt spricht Knolle. Mein Stück, sagt er.
Da erfahren wir also, was wir schon wissen.
Knolle fährt fort. Ich bin ein einsamer Mensch, müssen Sie wissen.
Das finden wir nicht. Knolle ist beruflich tätig, in einem Verlag. Er hat eine Familie, mit der er musiziert, ißt, schläft, und Freunde, mit denen er trinkt. Er muß sich also näher erklären.
So kommt er wieder auf sein Stück zu sprechen. Er sagt: Ich habe eingesehen, daß Kritik einen zersetzenden Charakter hat. Was fange ich nun mit dieser Einsicht an?
Gar nichts.
Was müßte ich also tun?
Das Stück trotzdem schreiben.
Gegen meine Einsicht?
Versuchen.
Knolle sagt Ja, verläßt wieder seine Familie, schreibt, kommt bis zum dritten Akt, geht zu einem Theaterbüro, gibt sein Manuskript dort ab.
Nach zwei Wochen sagt ihm ein Dramaturg namens Dr. Oberüber, das Stück sei außerordentlich interessant gehalten, so drückt er sich aus, aber ihm seien bei der Lektüre Bedenken aufgestiegen.
Wie Blasen.
Jetzt sind wir so weit, wie wir waren, aber eigentlich doch weiter, nämlich beim dritten Akt. Und wir bestimmen Knolle, weiter zu schreiben.
Jetzt ist das Stück fertig und heißt Die verhinderte Panne. Knolle hat eine Entwicklung durchgemacht und seiner Kritik eine aufbauende Wendung beigebracht.
Der kritisierte Vorgang oder Gegenstand erwies sich nur als scheinbar kritikwürdig. Die Hauptperson war einem Irrtum unterlegen. Der löste sich auf, die Einsicht triumphierte breit.
Solche Stücke werden angeboten. Am längsten halten es die Schauspieler dabei aus. Und Knolle sitzt noch im Theater, seine Familie ist nicht mitgekommen.
Jetzt also ist Knolle fertig, als Figur. Nun soll er selber sehen, wie es mit ihm weitergehen kann.

Johannes Bobrowski: Das Stück. In: Ders.: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band 4: Die Erzählungen. Stuttgart 1999, S. 161–163.


Oberflächlich betrachtet könnte man feststellen, dass hier ein Autor eine Figur vor den Augen seiner Leser konstruiert, um sie schließlich sich selbst zu überlassen. Aber die Angelegenheit ist noch viel komplizierter.
Im vierten Satz handelt ein „wir“. Albert Erich Knolle wird zu einer Figur, dem „Mann“ in der Erzählung, indem er von „uns“ hergestellt wird. Wer ist dieses „wir“? Mehrere Autoren? Der Autor und der Erzähler? Autor, Erzähler und Leser? Oder demonstriert der Autor hier seine Macht, indem er sich mittels des Pluralis Majestatis gottgleich über die anderen erhebt? Dafür spricht die Position dieses „wir“, das Knolle zu allerhand anstiftet und bestimmt. Dieses „wir“ entscheidet über Leben und Tod der Figur. Vielleicht aber drückt das „wir“ auch nur aus, dass ein Autor einen Leser an die Hand nimmt und ihn an seinem Schöpfungsprozess teilnehmen lässt. Am Anfang der Geschichte steht eine Figur mit einem Namen, der das Geschlecht bestimmt. Diese männliche Figur bekommt anschließend ein Aussehen, das mit jeder weiteren Spezifikation zu einer zunehmend individuellen Beschreibung wird. Mit steigender Individualität nimmt die Distanz des „wir“ zur Figur ab. So können offensichtlich nur Vermutungen angestellt werden, warum der Mann „verschieden lange Schritte“ macht: „Vielleicht, weil er denkt.“
Es geht sogar so weit, dass die Erfinder der Figur Knolle ein Gespräch mit dieser Figur führen können, ja sogar müssen, um zu erfahren, warum der fiktive Herr sein Theaterstück nicht geschrieben hat. Im selben Gespräch behauptet er, einsam zu sein, was „wir“ ihm nicht glauben, denn „wir“ wissen es besser. Schließlich haben „wir“ ihm eine Familie, einen Beruf, Hobbys und Freunde gegeben. Das Gespräch endet mit der Aufforderung an Knolle, sein Stück zu schreiben. Was er tut. Könnte er anders handeln?
Am Ende sitzt Knolle ohne seine Familie im Theater, in dem sein Stück gespielt wird. Jetzt ist die Figur fertig, wie der Autor (?) oder der Erzähler (?) bestimmt. „Nun soll er selber sehen, wie es mit ihm weitergehen kann.“
Aber kann es denn überhaupt mit ihm weitergehen? Ist Knolle nun tot oder existiert er weiter? Was ist mit all den Figuren aus den Milliarden von Texten, die in den letzten Jahrtausenden geschrieben wurden? Sind sie unsterblich?