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Wozu Narratologie?

 

Alle diese Fragen müssten wir Leser uns in Auseinandersetzung mit diesem Text nicht stellen, hätte sich nicht Johannes Bobrowski hingesetzt und ihn auf eben diese Art und Weise geschrieben. Hätte er statt „wir“ das Personalpronomen „ich“ verwendet, müssten wir uns lediglich darüber Gedanken machen, ob das „ich“ nun der Autor oder der Erzähler ist. Hätte er Herrn Knolle am Ende nicht ausdrücklich seinem Schicksal überlassen, hätten wir vielleicht nach eben diesem gar nicht gefragt. Hätte er nicht einen Dialog mit der Figur Knolle eingefügt, müssten wir uns nicht überlegen, welche Eigendynamik fiktive Figuren in einem Text entwickeln können.
Wie eine Erzählung konstruiert wird, beeinflusst ihre Wirkung auf den Rezipienten, also den Leser oder Hörer. Ein Autor wählt aus den ihm bekannten Möglichkeiten, etwas zu erzählen, aus, um eine Geschichte anderen zu erzählen.
‚Erzählen‘ ist eine menschliche Grundfähigkeit, die, wie vieles andere, eine Person besser oder schlechter beherrscht als eine andere und die durch Übung verbessert werden kann. Erzählungen sind ein wesentlicher Bestandteil allgemein kultureller und individuell persönlicher Entwicklung. Insofern weisen Erzählungen unterschiedlicher Personen immer wesentliche strukturelle Ähnlichkeiten auf.
Es soll hier nicht geleugnet werden, dass es Unterschiede zwischen verschiedenen Verfassern von Literatur gibt. Es ist auch nicht zu leugnen, dass die Biographie eines Menschen auf seine künstlerische Produktion Einfluss hat. Dennoch sind diese Bereiche – bei aller Wichtigkeit – zu unterscheiden von Möglichkeiten, Regeln und typischen Formen des Erzählens. Welche jeweils (bewusst oder unbewusst) gewählt wurden, mag individuelle Gründe gehabt haben. Welche überhaupt zur Auswahl standen, nicht.
Damit ist die Aufgabe der Narratologie umschrieben: Narratologie diskutiert Möglichkeiten des Erzählens, um sie zu systematisieren und so Instrumente bereitzustellen, die einen Literaturwissenschaftler befähigen, jede Erzählung auf ihre Organisation hin zu untersuchen. Eine narratologische Untersuchung ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit dem Autor oder dem Inhalt eines literarischen Textes, sie ist die Voraussetzung. Aus diesem Grund ist die Kenntnis narratologischer Verfahren ein Grundbestandteil literaturwissenschaftlicher Ausbildung.

Problematischerweise ist die Diskussion um die unterschiedlichen Elemente der Narratologie nach wie vor im Fluss. Es gibt daher keinen kanonisierten Lehrstoff.
Es besteht jedoch inzwischen im Wesentlichen Konsens dahingehend, dass der französische Wissenschaftler Gérard Genette 1972 in seinem Buch „Discours du récit“ (dt. „Die Erzählung“) eine umfassende und systematische Methode entwickelt hat, aus der sich ein klarer Analyseleitfaden ableiten lässt. Genette hat diese Systematik selbst aus der Arbeit an hauptsächlich einem Roman, Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“, gewonnen.
In diesem Einführungskurs werden deshalb vor allem die Komponenten der Systematik Genettes vorgestellt, erläutert, durch literarische Beispiele verdeutlicht und abschließend problematisiert. Infolgedessen beziehen sich Zitatnachweise in Klammern – sofern nicht anders angegeben – stets auf die deutsche Übersetzung von Genettes Buch:
Gérard Genette: Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998.

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