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Grundlagen VI

 

Grafische Darstellung der Funktionen

Grafik Funktionen

Für die noch folgenden Elemente des Lernkurses (Ordnung, Dauer, Frequenz, Modus, Stimme) ist es notwendig, Geschichte, Erzählung und Narration miteinander in Beziehung setzen zu können. Dazu wird die so genannte Basiserzählung des Textes ermittelt (Schritt 3). Sie stellt ein analytisches Provisorium dar, um die Segmente verhältnismäßig unter verschiedenen Aspekten diskutieren zu können. Die Basiserzählung ist von Gérard Genette nicht eindeutig definiert und versammelt mehrere Bedeutungen, auf die später noch eingegangen wird. Genette bezeichnet im „Neue[n] Diskurs der Erzählung“ (einem Nachtrag zu „Die Erzählung“) die Basiserzählung als „primäre Erzählung“ (S. 209); sie ist in dem Sinn zu verstehen, dass bestimmte Segmente den Anfang und das Ende einer Narration signalisieren. Die Basiserzählung setzt oft am frühesten Zeitpunkt einer erzählten Geschichte ein. Weil aber nicht in jeder Erzählung die Ereignisse in chronologischer Folge dargeboten werden, müssen nicht alle Segmente zur Basiserzählung gehören – so auch im Fall von „Guter Rat“. Hier lautet sie: Der Ausflügler berichtet einer Gruppe (A), bittet um Rat (C) und erhält ihn nicht (D). Die Einheit (B) stellt eine Rückwendung dar, die ein Ereignis vermittelt, das zeitlich vor dem Einsetzen der Basiserzählung liegt: Um zu berichten, muss sich der Ausflügler „uns“ erst angeschlossen haben.
Je komplexer eine Erzählung in ihrer (insbesondere zeitlichen) Struktur entwickelt ist, desto schwieriger wird es sein, die Basiserzählung aufzuspüren. An dieser Stelle soll auch erklärt werden, warum bislang der Inhalt des Berichts, den der Ausflügler erstattet, in der Segmentierung einen Sonderstatus einnimmt: Er ist nicht Teil der Basiserzählung, denn diese lässt sich ausschließlich aus Kernen bilden. Der Inhalt jedweder wiedergegebenen oder erzählten Rede ist der Basiserzählung nicht zuzuschlagen. Lediglich der Redeakt selbst in Bernhards „Guter Rat“ ist ein Teil von ihr. Das bedeutet, dass die Basiserzählung dort ‚pausiert‘, wo sie dem Inhalt des Berichts Platz macht. Nur hin und wieder macht sie sich bemerkbar durch Formeln wie „wie sich der Ausflügler ausgedrückt hatte“ und „so er“.

Für sich genommen kann der Inhalt der berichteten Rede aber in der gleichen Weise analysiert werden. Analog zum oben beschriebenen Verfahren verfügt diese Erzählung über eine eigene Basiserzählung sowie sämtliche Arten von Funktionen (ebenso Geschichte und Narration) sozusagen auf zweiter Ebene – die mit der ersten (sofern die Erzählung es gestattet) nicht zu verwechseln ist. Wir führen die Segmentierung der berichteten Rede vor, indem wir ihre Handlungseinheiten mit Kleinbuchstaben bezeichnen und die Schritte 2 und 3 knapp darstellen.

| (A) Ein Ausflügler, | (B) der sich uns auf der Fahrt in die sogenannte Eisriesenwelt bei Werfen angeschlossen hatte, weil er wahrscheinlich der Meinung gewesen war, daß wir unterhaltsamer sind, als die anderen in unserem talwärts fahrenden Zuge, | (A) hatte uns berichtet, | (a) daß er zutiefst unglücklich sei über die Tatsache, daß er einem seiner Kollegen, einem Bankangestellten wie er, | (b) der ihn gefragt hatte, wo er seinen Urlaub verbringen solle, um auszuspannen, | (a) zu einer Kreuzfahrt im adriatischen und im mittelländischen Meer geraten habe, welche ihm selbst einmal so gut getan habe. | (c) Gerade das Schiff, auf welchem sein Kollege nach Dubrovnik und nach Korfu und nach Alexandria unterwegs gewesen war, sei, aus bisher immer noch ungeklärten Gründen, so er, in der Nähe von Kreta gesunken | (d) und wie alle übrigen, die diese Unglückskreuzfahrt, | (A) wie sich der Ausflügler ausgedrückt hatte, | (d) mitgemacht hatten, wäre auch sein Kollege ertrunken. Wahrscheinlich sei er mit dem sehr rasch gesunkenen Schiff untergegangen.
Der Untergang des Schiffes und der Ertrinkungstod seines Kollegen seien ihm so nahe gegangen, daß er jetzt schon jahrelang keine Ruhe mehr finde. | (C) Er hatte uns gefragt, was er tun solle, um von seinem schlechten Gewissen befreit zu werden, | (D) wir hatten uns aber nicht getraut, ihm einen Rat zu geben.

Thomas Bernhard: Guter Rat. In: Ders.: Der Stimmenimitator. Frankfurt am Main 1987, S. 32f.


Die Kerne der Handlungseinheiten lauten wie folgt:

1.       Ein Ausflügler empfahl einem Kollegen auf Anfrage eine Reise auf einem Schiff (a und b),
2.       das auf der Fahrt schließlich untergegangen ist (c und d).

Diese Erzählung zweiter Ebene hat – gleich der ersten – keine Katalysen. Über Informanten vermittelt sie, wo das Schiff gesunken ist und welchen Kurs es ursprünglich genommen hatte, Indizien verweisen auf Gefühlszustände des Ausflüglers.

Zwei Sequenzen formieren die Kerne der Erzählung:

1.       Eine Reiseempfehlung (a und b),
2.       Untergang eines Reiseschiffes (c und d).

Die Basiserzählung beginnt mit dem zweiten Segment (b) als frühester Zeitpunkt der Narration und endet mit (d) als deren spätester.

Der Übersichtlichkeit halber werden bei Genette sämtliche Segmente eines Textes entsprechend ihrer Reihenfolge in der Erzählung in einer Formel angeordnet. In den hochgestellten Buchstaben fügt sich der Bericht des Ausflüglers in die Erzählung erster Stufe ein:

A – B – A a – b – a – c – A d – C – D.

Man sieht bereits jetzt, dass sich die Struktur der Basis in der Erzählung zweiter Stufe fast identisch wiederholt. Diese Anordnung könnte nun Hilfestellung für eine Interpretation bieten: In beiden Erzählungen geht es um das Erteilen eines Rats, die Folge des bereits erteilten Rats der Binnenerzählung (d) ist tödlich, der Empfänger des Rats ist wahrscheinlich ertrunken. Die Reaktion auf die Ratsuche des ehemals Ratenden ist Schweigen (D). Der gute Rat ist nicht nur der nicht stattfindende, das Schweigen korreliert zudem mit dem Untergehen und schließt die Erzählung ab…

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