Springe direkt zu Inhalt

Grundlagen V

 

Grafische Darstellung der Funktionen

Grafik Funktionen

Im zweiten Schritt werden aus den Handlungseinheiten die Kerne (oder Kardinalfunktionen) ‚herausgefiltert‘. „Guter Rat“ setzt sich aus vier Kernen zusammen.

1.       Der Ausflügler schließt sich in Werfen einer Reisegruppe an (B).
2.       Der Ausflügler berichtet (A).
3.       Er fragt die Gruppe nach einem Ausweg (C).
4.       Keiner möchte ihm einen Rat erteilen (D).

Es überrascht, dass die Kerne an der Zahl exakt den Handlungseinheiten entsprechen, die oben voneinander abgegrenzt wurden – offenbar ist Bernhards Geschichte eine kompakte Erzählung. Von Fall zu Fall wird jedoch das Mengenverhältnis Kardinalfunktionen – Handlungseinheiten variieren.
Dafür sorgt die ‚Durchdringung‘ der Kerne mit Katalysen, die nun nebst Indizien und Informanten zu bestimmen sind. Katalysen, die die Kerne um Kleinsthandlungen verlängern, sind in „Guter Rat“ nicht vorhanden. Und auch mit Indizien (im engeren Sinn) ist die Erzählung sparsam: Der Leser erfährt lediglich, dass die Reisegruppe sich nicht getraute, dem Ausflügler einen Rat zu erteilen – was auf Schweigen ihrerseits verweist, obwohl der Text das Schweigen nicht vermittelt. Das Beispiel unterstreicht den Charakter von Indizien deutlich. Sie sind Informationen, die auf einen Sachverhalt schließen lassen, ihn aber nicht benennen (im Rahmen der Zeichentheorie werden sie indexikalische Zeichen genannt). Wird etwa in einer Erzählung von einer Säule starken Rauchs über einem Haus berichtet, ist es nicht notwendig zu schildern, dass das Gebäude brennt, denn diese Bedeutung ist das Beiwerk des Lesers aus seiner Welt zur Welt des Texts.
Informanten, die die Handlungen räumlich und zeitlich positionieren, sind in „Guter Rat“ etwas zahlreicher vorhanden als Indizien im engeren Sinn. In unserer Erzählung vermitteln sie, dass sich eine Gruppe von Menschen auf einer Fahrt im Zug befindet und sich ihnen ein Ausflügler in der Eisriesenwelt bei Werfen angeschlossen hat
So durch Informationen ‚angereichert‘ gruppieren sich die Kerne zu einer einzigen Sequenz A – B – C – D. Sequenzen lassen sich stets betiteln, d. h. unter eine Bezeichnung stellen, die alle Kerne inhaltlich einschließt. Nennen wir A – B – C – D einfach „Guter Rat“. Roland Barthes betont, dass dieser Akt wichtig, weil nicht völlig willkürlich und nicht nur für den Narratologen von Bedeutung ist: „Sind diese Benennungen einzig und allein Sache des Analytikers? Mit anderen Worten, sind sie rein metalinguistisch? Sie sind es zweifelsohne, da sie sich auf den Code der Erzählung  beziehen, aber es ist denkbar, daß sie einer dem Leser (Zuhörer) selbst innewohnenden Metasprache angehören, die jede logische Handlungsfolge als ein nominales Ganzes erfaßt: lesen heißt benennen; zuhören heißt nicht nur, eine Sprache vernehmen, sondern sie auch konstruieren.“ (S. 119)