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Grundlagen IV

 

Grafische Darstellung der Funktionen

Grafik Funktionen

Zunächst werden die Erzähleinheiten – Kerne, Katalysen, Indizien und Informanten – im Text isoliert, markiert (hierfür werden Querstriche | verwendet) und fortlaufend bezeichnet. Entscheidend für die Sequenzbildung sind dabei die Katalysen und Kerne, die sich fast immer an Verben binden. Wie schon bemerkt, ist es nicht einfach, zu bestimmen, welche Funktionen sich abgrenzen lassen. Als Faustregel für das Erkennen von Katalysen und Kernen kann gelten, dass Prädikate im Satzbau (mit Ausnahme von Konstruktionen mit Modalverben) einer jeweils eigenen Handlungseinheit angehören und auf sie hinweisen. Was danach übrig bleibt, muss als Indizien und Informanten einem Kern zuzuordnen sein.

(A) Ein Ausflügler, | (B) der sich uns auf der Fahrt in die sogenannte Eisriesenwelt bei Werfen angeschlossen hatte, weil er wahrscheinlich der Meinung gewesen war, daß wir unterhaltsamer sind, als die anderen in unserem talwärts fahrenden Zuge, | (A) hatte uns berichtet, daß er zutiefst unglücklich sei über die Tatsache, daß er einem seiner Kollegen, einem Bankangestellten wie er, der ihn gefragt hatte, wo er seinen Urlaub verbringen solle, um auszuspannen, zu einer Kreuzfahrt im adriatischen und im mittelländischen Meer geraten habe, welche ihm selbst einmal so gut getan habe. Gerade das Schiff, auf welchem sein Kollege nach Dubrovnik und nach Korfu und nach Alexandria unterwegs gewesen war, sei, aus bisher immer noch ungeklärten Gründen, so er, in der Nähe von Kreta gesunken und wie alle übrigen, die diese Unglückskreuzfahrt, wie sich der Ausflügler ausgedrückt hatte, mitgemacht hatten, wäre auch sein Kollege ertrunken. Wahrscheinlich sei er mit dem sehr rasch gesunkenen Schiff untergegangen.
Der Untergang des Schiffes und der Ertrinkungstod seines Kollegen seien ihm so nahe gegangen, daß er jetzt schon jahrelang keine Ruhe mehr finde. | (C) Er hatte uns gefragt, was er tun solle, um von seinem schlechten Gewissen befreit zu werden, | (D) wir hatten uns aber nicht getraut, ihm einen Rat zu geben.

Thomas Bernhard: Guter Rat. In: Ders.: Der Stimmenimitator. Frankfurt am Main 1987, S. 32f.


Streng genommen ist die gesamte Geschichte, die der Ausflügler erzählt, ein einziges Segment (A), da der Inhalt jeglicher Form von Rede – auch die Wiedergabe von Gedanken – eine Handlung darstellt (nämlich das Sprechen bzw. Denken selbst). Um zu prüfen, ob alle Handlungseinheiten des Textes damit Beachtung gefunden haben und mithin kein Geschehen ,ausgelassen‘ wurde, empfiehlt sich zur Probe eine Nacherzählung (oder Inhaltsangabe) anhand der Segmente. Sie könnte wie folgt lauten:

(A)       Ein Ausflügler berichtet,
(B)       nachdem er sich „uns“ anschloss,
(A)       dass er einem Kollegen zu einer Schiffreise geraten habe, auf der dieser beim Untergang des Schiffes ertrank. Davon sehr ergriffen,
(C)       fragt der Ausflügler die Gruppe nach einem Ausweg
(D)       – die ihm keinen Rat zu geben wagt.