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Segmentierter Text Grass

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| (A) Der Zufall stellte den Witwer neben die Witwe. Oder spielte kein Zufall mit, weil ihre Geschichte auf Allerseelen begann? | Jedenfalls war die Witwe schon zur Stelle, als der Witwer anstieß, | stolperte, doch nicht zu Fall kam.
| Er stellte sich neben sie. Schuhgröße dreiundvierzig neben Schuhgröße siebenunddreißig. | Vor den Auslagen einer Bäuerin, die in einem Korb gehäuft und auf Zeitungspapier gebreitet Pilze, zudem in drei Eimern Schnittblumen anbot, fanden Witwer und Witwe einander. | (B) Die Bäuerin hockte seitlich der Markthalle zwischen anderen Bäuerinnen und dem Ertrag ihrer Kleingärten: Sellerie, kindskopfgroße Wruken, Lauch und rote Bete.
| (C) Sein Tagebuch bestätigt Allerseelen und gibt die Schuhgröße preis. | Ins Stolpern hat ihn die Bürgersteigkante gebracht. | Doch das Wort Zufall kommt bei ihm nicht vor. | (a) „Es mag an diesem Tag, zu dieser Stunde – Schlag zehn Uhr – Fügung gewesen sein, die uns zusammenführte…“ | (C) Sein Bemühen, die dritte, stumm vermittelnde Person leibhaftig zu machen, bleibt vage wie sein Versuch, in mehreren Anläufen ihr Kopftuch zu bestimmen: „Kein eigentliches Umbra, mehr Erdbraun als Torfschwarz…“ | (C) Besser gelingt ihm das Ziegelwerk der Klostermauer: | (a) „Von Schorf befallen…“ | (D) Den Rest muß ich mir einbilden.
Nur wenige Sorten Schnittblumen standen noch in den Eimern: Dahlien, Astern, Chrysanthemen. Den Korb füllten Maronen. Vier oder fünf kaum vom Schneckenfraß gezeichnete Steinpilze lagen gereiht auf einer verjährten Titelseite der lokalen Tageszeitung „Głos Wybrzeża“, dazu ein Büschel Petersilie und Einwickelpapier. Die Schnittblumen waren dritte Wahl.
| (C) „Kein Wunder“, schreibt der Witwer, „daß die Stände neben der Dominikshalle so dürftig bestellt aussahen, schließlich sind an Allerseelen Blumen gefragt. Bereits am Tag zuvor, auf Allerheiligen, ist die Nachfrage oft größer als das Angebot…“
| (E) Obgleich die Dahlien und Chrysanthemen mehr hergaben, entschied sich die Witwe für Astern. | (C) Der Witwer blieb unsicher: | (a) „Selbst wenn mich die überraschend späten Steinpilze und Maronen an diesen besonderen Stand gelockt haben mögen, | (b) folgte ich doch nach nur kurzem Schreck – oder war es der Glockenschlag? – einer Verführung besonderer Art, nein, einem Sog…“
| (F) Als die Witwe aus den drei oder vier Eimern die erste, dann eine weitere, unschlüssig eine dritte Aster zog, | (G) diese zurückstellte, | (H) um sie gegen eine andere zu tauschen | (I) und dann eine vierte herauszurupfen, | (J) die gleichfalls zurück und ersetzt werden mußte, | (K) begann auch der Witwer, Astern aus den Eimern zu ziehen | (L) und diese, wählerisch wie die Witwe, auszuwechseln, wobei er rostrote zog, | (M) wie sie rostrote gezogen hatte; immerhin standen noch blaßviolette und weißliche zur Wahl. Dieser farbliche Gleichklang hat ihn närrisch gemacht: | (C) „Welch leise Übereinkunft! Wie ihr sind mir rostrote Astern, die still vor sich hinbrennen, besonders lieb…“ Jedenfalls blieben beide aufs Rostrot versessen, bis die Eimer nichts mehr hergaben.
Weder der Witwe noch dem Witwer reichte es zum Strauß. Schon wollte sie ihre magere Auswahl in einen der Eimer stoßen, als das begann, was Handlung genannt wird: | (N) Der Witwer übergab der Witwe seine rostrote Beute. | (O) Er hielt hin, | (P) sie griff zu. Eine wortlose Übergabe. Nicht mehr rückgängig zu machen. Unlöschbar brennende Astern. So fügte sich das Paar.

Günter Grass: Unkenrufe. In: Ders.: Werkausgabe. 18 Bände. Band 12: Unkenrufe. Göttingen 1997, S. 7f.