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Externe Prolepsen

2. Externe Prolepsen

Auch die externen Prolepsen können wieder in partiell und komplett unterteilt werden. Externe komplette Prolepsen sind allerdings extrem selten. Sie sind daran zu erkennen, dass sie vom Erzähler und dem Zeitpunkt des Erzählens abhängen. Es handelt sich um eine Art Epilog, der das Geschehen zwischen der Basiserzählung und dem Zeitpunkt des Erzählens skizziert. Während also die externe komplette Analepse die Basiserzählung um eine Vorgeschichte ergänzt, führt die Prolepse die Basiserzählung bis zu dem Moment fort, in dem der Erzähler seine Erzählung präsentiert. Solche Prolepsen „sind Zeugnisse für die Intensität der aktuellen Erinnerung, die die Erzählung der Vergangenheit gewissermaßen beglaubigen sollen“. (S. 47)
Im Fall von Peter könnte das so aussehen: „Peter war sehr froh, dass der Streit um den Kuchen endlich behoben und seine Mutter nicht mehr sauer auf ihn war. Dennoch dachte er in all den Jahren, in denen er erwachsen wurde, immer wieder an diesen merkwürdigen Tag, an dem seine Gefräßigkeit beinahe eine Familienkrise ausgelöst hatte. Und er denkt noch heute daran, weil er selbst Kinder hat und ihnen die Geschichte von Zeit zu Zeit erzählt. Seine Schwester Anna hatte ihm am gleichen Abend schon verziehen.“

In ihrer Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ setzt Anna Seghers eine externe komplette Prolepse äußerst geschickt ein, um zum einen zwei Zeitebenen (die der Jugend und die der Erwachsenen) zu verbinden, zum anderen um durch das Ende die gesamte Erzählung zeitlicher Bedingtheiten zu entziehen. Was hier nämlich als zukünftige Aufgabe am Ende der Erzählung genannt wird, ist nicht nur vermutlich bereits damals geschehen. Die Beschreibung des Schulausflugs ist auch die gerade zu Ende gehende Erzählung selbst:

„Ich fragte mich, wie ich die Zeit verbringen sollte, heute und morgen, hier und dort, denn ich spürte jetzt einen unermeßlichen Strom von Zeit, unbezwingbar wie die Luft. Man hat uns nun einmal von klein auf angewöhnt, statt uns der Zeit demütig zu ergeben, sie auf irgendeine Weise zu bewältigen. Plötzlich fiel mir der Auftrag meiner Lehrerin wieder ein, den Schulausflug sorgfältig zu beschreiben. Ich wollte gleich morgen oder noch heute Abend, wenn meine Müdigkeit vergangen war, die befohlene Aufgabe machen.“

Anna Seghers: Der Ausflug der toten Mädchen. In: Dies.: Der Ausflug der toten Mädchen. Erzählungen. 7. Auflage. Berlin 2001, S. 7-38; hier S. 38.

 

Man kann hier sehen, wie wirkungsvoll Anachronien eingesetzt werden können. Es ist daher nicht nur wichtig, sie genau zu bestimmen, sondern auch, sie in ihrer Wirkung in ihrem Textzusammenhang zu beschreiben.

Externe partielle Prolepsen sind meist leicht zu erkennen, da sie im Allgemeinen als solche gekennzeichnet werden, indem der Erzähler auf den zeitlichen Sprung über die Basiserzählung hinaus hinweist (zum Beispiel durch Wendungen wie „einige Zeit später sollte man sehen“ oder „wie erst einige Jahre danach bekannt wurde“). Um die Attribuierung extern und partiell zu bekommen, müssen diese Prolepsen außerhalb der Basiserzählung stehen und dürfen sich nicht unmittelbar an diese anschließen. Sie befinden sich also in einer Zukunft, die zwar näher spezifiziert sein kann, aber nicht die Geschehnisse der Basiserzählung direkt fortsetzt. Im folgenden Schaubild markieren die schwarzen Pfeilstriche die Koinzidenz zwischen Ereignissen der Erzählung und der Geschichte (Basiserzählung). Rot eingefärbt ist der partielle Vorgriff auf externes Geschehen.

 

Extern wird die Prolepse dadurch, dass zwischen der Basiserzählung und dem Narrationsakt eine zeitliche Lücke klafft; partiell wird sie dadurch, dass sie nicht Teil der Basiserzählung ist (gestrichelte Linie).

„Santschin wurde um drei Uhr nachmittags begraben, auf einem entlegenen Teil des orientalischen Friedhofs.
Wer im Winter etwa sein Grab wird besuchen wollen, wird sich mit Spaten und Schaufel mühsam einen Weg bahnen müssen. Alle Armen, die auf Gemeindekosten sterben, werden so weit draußen bestattet, und erst, wenn drei Generationen gestorben sind, zeigt jener entlegene Teil des Gottesackers menschliche Wege.
Aber dann wird das Grab Santschins nicht mehr zu finden sein.“

Joseph Roth: Hotel Savoy. München 2003, S. 45.

Die zeitlichen Angaben „im Winter“ und „wenn drei Generationen gestorben sind“ sowie das Futur der Verben rekurrieren auf eine ferne Zukunft. Diese adverbialen Indizien sind allerdings völlig unspezifisch und binden sich nicht an die Basiserzählung an, denn dann müsste dort mindestens stehen: „Wer im folgenden Winter sein Grab besuchen wollte, musste sich mit Spaten und Schaufel mühsam einen Weg bahnen.“ Die Funktion dieser Art von Prolepse leuchtet sehr schnell ein. Sie verzögert das Ende fast bis ins Unendliche hinein.

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