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Virtueller Leser

Der Begriff des „virtuellen Lesers“ stammt aus der Erzähltheorie, spezieller von Gérard Genette. Der virtuelle Leser ist quasi die Option eines nicht physischen, aber funktionalen Rezipienten. Die Betonung liegt hier auf der Funktionalität, nicht der realen Existenz und damit grenzt sich das Adjektiv „virtuell“ deutlich vom „realen Leser“ ab.
Sind die beiden Typen des Lesers, virtueller und realer, sich zwar nicht gleich, so kann sich letzterer gut mit ersterem identifizieren. Dies liegt in der Tatsache begründet, dass sich beide außerhalb der Geschichte befinden, sprich extradiegetisch sind.
Wäre der narrative Adressat innerhalb der Geschichte, also intradiegetisch, dann wäre er nicht mehr „virtuell“, sondern „fassbar“ und „bestimmt“.
In diesem Sinne sind virtueller Leser und extradiegetischer Adressat identisch (S.187).
Genette verwendet darüber hinaus die Begriffe „virtueller Leser“ und „implizierter Leser“ synonym (S. 284), wodurch es um einiges leichter wird, den virtuellen Leser (der explizit nur von Genette verwendet wird) in die Termini einzuweben.
Der implizierte Leser ist der in den Text „eingeschriebene“ Leser, quasi der vorausgesetzte Rezipient. Impliziert von wem? Hinter dem Adjektiv „eingeschrieben“ lässt sich doch eine gewisse Motivation und Aktivität vermuten. Wer also impliziert einen potentiellen Leser? Nahe liegend wäre der Autor eines Textes. Denn jede Form des Erzählens setzt auch immer einen Rezipienten voraus, beziehungsweise der Text wäre ohne einen Leser „nicht sichtbar“. Hier zeigt sich wieder die Verwandtschaft zum Konzept des narrativen Adressaten. Kein Text ohne Adressat. Vielleicht sollte man sagen: Jeder Text (sprich Verfasser eines Textes oder eben ganz allgemein Text an sich) impliziert sowohl einen Autor als auch einen Leser. Dabei stößt man nun auf folgendes Problem:
Wenn der virtuelle Leser gleich dem (extradiegetischen) narrativen Adressaten sowie gleich dem implizierten Leser ist, dann liegt der Schluss nahe, es verhalte sich mit (extradiegetischem) Erzähler und impliziertem Autor ebenso. Dies ist in der Tat verfänglich und macht die gesamten beschriebenen Termini inklusive ihrer Ähnlichkeitsverhältnisse höchst fragwürdig. Von daher müsste man sich die verschiedenen Perspektiven der Begriffe noch einmal genauer anschauen:
Der extradiegetische Erzähler ist außerhalb der Geschichte, aber als Stimme innerhalb des narrativen Aktes. Er referiert auf einen extradiegetischen narrativen Adressaten, der ebenfalls nicht Bestandteil der Geschichte, aber als Referenzpunkt sehr wohl Teil des narrativen Aktes ist. Beide sind also außerhalb der Geschichte, aber innerhalb des narrativen Aktes.
Der implizierte Leser und der implizierte Autor kommen von einer ganz anderen Ebene. Sie befinden sich weder in der Geschichte noch im narrativen Akt, sondern sind das mentale Konstrukt oder Konzept des einen vom jeweils anderen.
Beim Akt des Lesens entschlüsselt der reale Leser den Text und vermutet dahinter einen Autor; der Text impliziert für ihn einen Autor. Dabei macht der Leser sich ein Bild von diesem Autor, indem er gewisse textimmanente Gegebenheiten auf diesen implizierten Autor überträgt. Weder handelt es sich dabei um den realen Autor, noch um den extradiegetischen Erzähler. Aber ebenso wie es dem realen Leser leicht fällt, sich mit einem extradiegetischen narrativen Adressaten zu identifizieren, fällt es ihm auch leicht, einen extradiegetischen Erzähler mit dem realen Autor zu identifizieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich um ein und dasselbe handele.
Vielleicht wäre es tatsächlich besser, den virtuellen Leser, bzw. implizierten Leser nicht mit dem Adressaten gleichzusetzen. Die Ähnlichkeiten sind groß, aber beide Begriffe spielen sich auf einer anderen Ebene ab und sind eine Frage der Perspektive.

Literatur
GENETTE, Gérard: Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998. S. 183–188 und S. 284–295.

(H.W.)