Stimme

Im Rahmen seines Modells für die Analyse von Erzähltexten hebt der Narratologe Gérard Genette die Bedeutung der Stimme, d.h. der Erzählinstanz besonders hervor. Die Frage nach dem „Wer? und „Wo? des Erzählprozesses, die hier von Genette aufgeworfen werden, beziehen sich nicht auf den Autor, sondern auf die Quelle des narrativen Aktes. Es ist entscheidend, zwischen Stimme und Perspektive bzw. Fokalisierung zu unterscheiden. Während die Perspektive danach fragt, auf wen der Fokus im jeweils betrachteten Abschnitt gerichtet ist, bezieht sich die Dimension der Erzählstimme auf die narrative Instanz, d.h. auf Fragen nach dem Subjekt und Ort des Erzählens. Erzählen wird bei Genette als ein Prozess verstanden, der in Bezug zum Erzählten gesehen werden muss. Insbesondere drei Aspekte hebt Genette hervor, die die Relationen zwischen Stimme und Geschichte erfassen: die Zeit der Narration, die narrativen Ebenen und die „Person?.
Das Verhältnis zwischen der Zeit, in der der Narrationsakt stattfindet, und der Zeit, in der das Erzählte sich abspielt, kann auf verschiedene Weise organisiert sein. Genette unterscheidet dabei vier Narrationstypen (späterer, früherer, gleichzeitiger, eingeschobener Narrationstyp). Ebenso lassen sich in einer Erzählung narrative Ebenen differenzieren, wobei die Erzählinstanz sich immer auf einer diegetisch niedrigeren Ebene befindet als die von ihr geschilderten Ereignisse. Im Gegensatz zur Auffassung, welche zwischen einer Erzählung in erster und dritter Person unterscheiden möchte, stellt Genette klar, dass die Erzählinstanz in erster Person erzählt, d.h. der Erzähler ist als erzählendes Subjekt immer schon anwesend. Differieren kann dabei jedoch das Personalpronomen, d.h. die grammatikalische Form, in welcher die Erzählung von ihm erzählt wird. Auch muss unterschieden werden, ob der Erzähler als Figur in der Geschichte selbst vorkommt (homodiegetisch) oder ob er extern ist (heterodiegetisch).
Interessant ist, dass Genette anhand der Kategorie der Stimme nicht nur die Erzählinstanz von der Perspektive löst, sondern auch hervorzuhebt, dass es eine Differenz zwischen dem Adressaten der Erzählung und dem Leser gibt, welche analog der Unterscheidung von Autor und Erzähler verstanden werden kann.

Literatur:
Genette, Gérard: Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998.

(K.R.)