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Positivistische Methode

Um ein Werk interpretieren zu können, braucht man eine Methode, die ein planmäßiges Verfahren vorgibt, um sich Unbekanntes anzueignen und Erkenntnis zu ermöglichen.
Es gibt natürlich verschiedene Methoden der Textbetrachtung und -behandlung. Eine von ihnen ist die sogenannte positivistische. Diese Methode entstand im 19. Jahrhundert. Als Begründer des Positivismus gilt Auguste Comte, obwohl positivistische Denksätze schon in der Antike (Protagoras, Aristip), im Mittelalter und im englischen Empirismus und Sensualismus (Lock, Hume) zu finden sind.
Für Comte liegt eine Grundlage des Positivismus in der These, dass die sinnliche Erfahrung wahrnehmbarer Tatsachen die Quelle jeder menschlichen Erkenntnis ist. Die positivistische Methode bezieht sich auf empirisch gegebene, erkennbare Sachverhalte - also auf das Tatsächliche, das wirklich Gegebene, das Sichere, das Unbezweifelbare, das genaue Bestimmbare.
Ziel dieser Methode war es, Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, die früher als getrennte Disziplinen betrachtet wurden, in Zusammenhang zu bringen. Begriffe, Untersuchungsgegenstände und Denkmuster sollten sich an die Naturwissenschaften anlehnen. Bekannt ist Comte vor allem für das so genannte Dreistadiengesetz.
Für die positivistische Methode ist besonders der Begriff des Historismus von Bedeutung. Er wird von Johann Gottfried Herder eingeführt und meint ein historisches Verfahren, das mit der Geschichte und Kultur eng verbunden ist. Es geht vor allem um die Kenntnis von Epochen, d.h. um Tendenzen, Gegenströmungen, Leserreaktionen, das Lebensmilieu von Autoren sowie Einflüsse anderer Dichter auf das Werk eines Verfassers.
Ebenfalls kennzeichnend für die positivistische Methode ist der Biographismus. Er bezieht sich auf die Einheit von Leben und Werk eines Dichters. Nach der Meinung der Positivisten muss man Leben, Milieu, Erziehung, Bildung und Denken des Dichters kennenlernen, um seine Werke zu verstehen. Daraus ergibt sich die so genannte drei „E“ Methode nach Wilhelm Scherer, der einzelne Untersuchungsbereiche unterschiedlichen Kategorien zuordnet. Diese werden aufgegliedert in: Das Ererbte („Naturlage“, Abstammung des Autors, natürliche Eigenschaften, mit denen der Mensch zur Welt kommt), das Erlernte (Erziehung, politische und gesellschaftliche Umgebung des Autors, Bildung, soziale Werte und deren Vermittlung) und das Erlebte (Lebenslauf, Epochenzuordnung des Autors, positive und negative Erfahrung).
Die sichere Erkenntnis ist unter dieser Voraussetzung nur durch Beobachtung und Experiment zu gewinnen, indem man durch Induktion, d.h. fortschreitend von dem Besonderen zum Allgemeinen, zur Feststellung allgemeiner Tatsachen kommt. Dieser Erkenntnisprozess kann zweierlei vonstatten gehen, durch Kausalität oder Analogie. Bei der Kausalität handelt sich um eine Ursache-Folge-Reaktions-Kette, auf die sich der Erkennende bezieht. Bei der Behandlung von Literatur werden damit in Verbindung gebracht: Leben und Werk, der literaturgeschichtliche Ablauf (Werke vorangehender Dichter beeinflussen den Autor), die Stellung des Dichters und Werkes im sozialen Gefüge (die jeweilige gesellschaftliche Situation beeinflusst das Leben und das Werk) und die Relation zwischen dem Werk und dem Publikum bzw. seiner Kritik. Die Geschichte kann damit nach W. Scherer als lückenlose Kette von Ursachen und Wirkungen angesehen werden. (Ernst Mach erweitert dazu die Kategorie um diejenige der Funktionalität.) Die Analogie hilft uns, Einzelheiten miteinander zu vergleichen oder erschließt etwas Unbekanntes durch ein Bekanntes. Sie soll helfen, z. B. literarische Phänomene der Vergangenheit durch solche der Gegenwart besser zu verstehen. Scherer spricht an dieser Stelle von der Zusammenbringung des Verwandten, so dass gleich gelagerte Anschauungen und Stilmerkmale offensichtlich werden.
Die positivistische Methode der Interpretation ist jedoch nicht für alle Werke geeignet. Nach dieser Methode kann man Prosawerke, „realistische“ Texte, Autobiographien, Tagebücher, Erinnerungsliteratur und Memoiren deuten. Für Lyrik und anderen Gattungen, bei denen es um keine scheinbar empirisch nachprüfbaren Inhalte geht, ist sie ungeeignet.

(M.Sz., A.R.)