Springe direkt zu Inhalt

Kopenhagener Schule

auch: Kopenhagener Linguistenkreis
frz.: Cercle Linguistique de Copenhague

Neben der Genfer und der Prager Schule das wichtigste Zentrum der strukturalen Sprachwissenschaft. Ab 1936 bezeichnen sich die Kopenhagener Linguisten in Abgrenzung zu anderen linguistischen Traditionen als Glossematiker. Wichtigste Vertreter sind Rasmus V. Bröndal (1887-1942), Hans J. Uldall (1907-1975) und besonders Louis T. Hjemslev (1899-1965).
Ein Glossem ist in Hjemslevs Theorie eine minimale linguistische Einheit. Sie setzt sich zusammen aus einer Ausdrucksebene, die aus phonologischen Merkmalen (Kenemen) besteht, und einer Inhaltsebene aus semantischen Merkmalen (Pleneme).
Ausgehend von de Saussures Hypothese, dass Sprache (langue) ein autonomes System interner Relationen ist, versuchen die Glossematiker eine Sprachtheorie mit einer widerspruchsfreien Beschreibungssprache ähnlich eines mathematischen Modells zu entwickeln. Ziel der linguistischen Analyse, die nur Phonologie und Grammatik einschließt, ist hauptsächlich die Beschreibung der strukturellen Beziehungen - in Hjemslevs Terminologie: Funktionen - zwischen den sprachlichen Objekten, nicht die Klassifizierung der Objekte selbst. Hjemlslev unterscheidet drei Funktionen: a) Interpedenz (gegenseitige Abhängigkeit), b) Determination (gegenseitige Abhängigkeit), c) Konstellation (freies Nebeneinander).
Zur Beschreibung der Relationen übernimmt Hjemslev Saussures Unterscheidung zwischen paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen. Anhand des Kommutationstests wird ermittelt, ob es sich um Varianten oder Invarianten handelt.
Die Glossematik war entscheidend für die Entwicklung der strukturalen Sprachtheorie, weil sie die vernächlässigte Semantik wieder einbezog und weil sie eine wissenschaftlichen Anforderungen genügende Sprachtheorie entwickelte. Eine breitere Wirkung wurde allerdings vermutlich durch die anspruchsvolle Terminologie verhindert.

(A.L.)