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Karneval

In »Rabelais und seine Welt« entwickelte Bachtin die Vorstellung des mittelalterlichen Karnevals als subversiv, anti-hierarchisches Prinzip der Lachkultur des Volkes, der, von Angst befreiend, die Welt mit dem Menschen und die Menschen mit dem Einzelnen harmonisch-utopisch zusammenführte und dessen Ursprung in den mythischen Satyrspielen der Antike lag.
Diese Vorstellungen einer von der täglichen Angst befreienden, die herrschenden Machtverhältnisse umkehrenden Volkskultur transferierte Bachtin in seine Konzeption des polyphonen Romans, der mit dem Untergang der karnevalesken Lachkultur an der Schwelle zur Renaissance deren Funktionen übernahm. Im Prinzip des Karnevals manifestiert sich die Vorstellung einer polyphonen, dialogischen Form menschlicher Kommunikation, auf der Basis nicht-offizieller Wahrheiten der ideologisch unterdrückten, sozialschwachen Gruppen.
Zu den literarischen Gattungen der Lachkultur zählt Bachtin polyphone Romane wie die Rabelais und Dostojevskijs, die menippeische Satire, den sokratischen Dialog, die Diatribe, das Soliloquium sowie verschiedene andere profane Gattungen des Mittelalters.

(S.M.)