Springe direkt zu Inhalt

Genealogie

Dieser Begriff bezeichnet die Wissenschaft von Ursprung, Folge und Verwandtschaft der Geschlechter. In den siebziger Jahren etabliert Foucault ausgehend von Nietzsche die Genealogie als eine historisch-philosophische Analysemethode im Zusammenhang mit seiner Arbeit zur Geschichte des Gefängnis- und Bestrafungssystems und seinem Projekt zur Geschichte der Sexualität. Genealogie ist weder auf einen bestimmten Zweck noch auf einen Ursprung gerichtet. Vielmehr zielt sie wie ein sich stets weiter verzweigender Stammbaum auf eine Zerstreuung der Ursprünge.
In seiner Schrift Zur Genealogie der Moral (1887) bestimmt Nietzsche den Begriff der Genealogie als eine historische Methodik, deren Ziel es ist, die falschen Universalbegriffe des abendländischen Denkens zu entlarven, indem sie in ihrer historisch-kontingenten Gewordenheit aufgezeigt werden. Die wesentlichen Attribute des humanistischen Subjekts, wie Bewusstsein, Gewissen, Nächstenliebe, Willensfreiheit etc. sind nicht a priori gegeben, sondern das Produkt gewaltsamer Techniken, Prozeduren und Mechanismen der Bestrafung und der Unterwerfung, die unmittelbar an den Körpern ansetzen, sich in diese einschreiben und schließlich internalisiert werden. Folglich ist die Position des Genealogen nicht die des außen stehenden Beobachters, sondern sie zeichnet sich durch die Anerkennung der eigenen Unhintergehbarkeit jener Strukturen von Macht und Wissen aus, die sie zu beschreiben und zu analysieren versucht.
Foucault übernimmt Nietzsches Position in Überwachen und Strafen (1975; dt. 1976) und in Sexualität und Wahrheit I (1976; dt. 1977). Während er in seinen früheren archäologischen Arbeiten aus der Position des Beobachters versucht, die unbewussten Codes bzw. die Episteme aufzudecken, die in einer bestimmten historischen Epoche als Bedingung der Möglichkeit von Wissen fungieren, fragt er in seinem Spätwerk nach der intrinsischen Verbindung zwischen der Produktion von Macht und Wissen sowie nach der Herkunft und der Konstitution des modernen Subjekts. In diesem Sinne schreibt die Genealogie nicht die Geschichte der Vergangenheit, sondern versucht, die Geburt und die Transformation gegenwärtiger diskursiver Formationen, Institutionen und Praktiken zu beschreiben.

(T.G.)