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Erzähler, Unzuverlässiger

Der Unzuverlässige Erzähler gilt als ein zentraler Begriff in der Erzähltheorie, der zur Anwendung kommt, wenn Diskrepanzen und Widersprüche im Text erscheinen. Das Konzept geht zurück auf Wayne Booth. In „The Rhetoric of Fiction“ (1961) beschreibt er Unzuverlässigkeit als die Abweichung zwischen Haltung/Einstellung des Erzählers und Haltung/Einstellung des implizierten Autors, wobei der implizierte Autor lange Zeit als die maßgebende Instanz für die Wahrheit galt. Der implizierte Autor wurde als im Text eingeschriebene Instanz betrachtet. In den 1990er Jahren wurde das Konzept kritisiert und in Richtung Leser verändert, welcher mit seinem Weltwissen und seiner Interpretation diejenige Instanz ist, die die Zuordnung von Unzuverlässigkeit vornimmt. Bei aller Kritik an Booths Ansatz ist jedoch zu beachten, dass auch er bereits davon sprach, dass der Leser „sich unweigerlich ein Bild von dem offiziellen Schreiber konstruieren [wird]“ (Booth, S. 78).

Allgemein gilt mittlerweile, dass einem Erzähler Unzuverlässigkeit in einem Zusammenspiel aus Textsignalen und Interpretation durch den Leser zugeordnet wird. Der Leser verfolgt hierbei eine Naturalisierungsstrategie. Erkannte Widersprüche oder Diskrepanzen werden somit in einen größeren Sinnzusammenhang eingebettet.

Unzuverlässigkeit wird hauptsächlich homodiegetischen Erzählern zugesprochen. Typische Erscheinungsweisen sind der naive homodiegetische Erzähler, der „Geistesgestörte“, der „Perverse“, der Kriminelle, gesellschaftliche Außenseiter sowie „obsessive“ bzw. emotional aufgeladene Erzähler (vgl. Fludernik, S. 40f.). Auf der Seite des Lesers gibt es bei auftretenden Diskrepanzen ein Aha-Erlebnis, woraufhin als Naturalisierungsstrategie u. a. die Zuordnung von Unzuverlässigkeit erfolgt bzw. erfolgen kann.

 

Das erzähltheoretische Konzept des Unzuverlässigen Erzählers birgt viele Kritikpunkte in sich. Ob Ereignisse, Figuren oder sonstige Sachverhalte faktisch falsch dargestellt werden oder eine „evaluative Verfremdung“ (Fludernik S. 46) durch den homodiegetischen Erzähler vorliegt (d. h. ob der Erzähler sich in der Beurteilung eines Sachverhaltes irrt), ist schwer bis gar nicht zu unterscheiden.

Mit der Feststellung, dass homodiegetische Erzähler potenziell unzuverlässig, weil subjektiv sind, wird nicht berücksichtigt, dass diese Form des Erzählens gerade eben auch die individuelle Perspektive als Funktion einsetzt. In diesem Zusammenhang ist auch zu berücksichtigen, dass Literatur als Kunst nicht den objektiven Ansprüchen von Wahrheitsdarstellungen wissenschaftlicher bzw. generell nicht-fiktionaler Texte genügen muss, sondern ganz im Gegenteil als Kunstprodukt Äußerungen tätigen kann, die Tabus brechen, ungewohnte Sichtweisen aufzeigen etc. Literatur ist Literatur, eben weil sie das Imaginieren fremder Welten ermöglicht und somit auch „unorthodoxe“ Sichtweisen auf die Welt präsentieren kann.

Es ist sinnvoll, über widerstreitende Informationen in einem Text zu sprechen, diese theoretisch zu beschreiben und Strategien des Lesers im Umgang mit solchen Texten zu formulieren. Jedoch ist die (wertende) Bezeichnung dieser Erscheinung als ‚unzuverlässig’ sehr kritisch zu betrachten.

 

Literatur:

Wayne C. Booth: Die Rhetorik der Erzählkunst. Band 1. Heidelberg 1971.

Monika Fludernik: Unreliability vs. Discordance. Kritische Betrachtungen zum literaturwissenschaftlichen Konzept der erzählerischen Unzuverlässigkeit. In: Was stimmt denn jetzt? Unzuverlässiges Erzählen in Literatur und Film. Hg. von Fabienne Liptay und Yvonne Wolf. München 2005.

Bruno Zerweck: Unzuverlässigkeit, erzählerische. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hrsg. von Ansgar Nünning. Stuttgart/Weimar 32004, S. 681-682.

 

(K.K.)