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Emblem

Die Emblematik ist die produktivste der in der frühen Neuzeit so beliebten kleinen Wort-Bild-Gattungen und hatte einen enormen Einfluss auf alle anderen Bereiche von Kunst und Kultur. Durch die Wechselwirkung mit diesen konnten sich verschiedenste Formen des Emblems herausbilden. Dennoch gibt es ein Muster, das durch das Emblematum libellus von Andreas Alciatus, den die Emblematiker der Frühen Neuzeit als Vater der Emblematik anerkannten, etabliert wurde, und anhand dessen sich das Charakteristische des Emblems verdeutlichen lässt.
Zunächst kennzeichnet dieses Muster ein typischer Blattspiegel: Dieser besteht aus drei vertikal angeordneten Teilen; der mittlere Teil ist als Bild ausgeführt (pictura); der sprachliche Teil oberhalb des Bildes (Lemma, Motto oder inscriptio) beschränkt sich auf eine Zeile, während derjenige unterhalb des Bildes (subscriptio) einige Verse umfasst.
Der Begriff „Emblem“, der oft mit „Sinnbild“ übersetzt wird, entstammt dem Kunsthandwerk und bedeutet dort soviel wie Intarsien- oder Einlegearbeit. Das verdeutlicht die Wichtigkeit, die im dreiteiligen Blattspiegel dem bildlichen Teil beigemessen wird. Darüber hinaus wird dieser meist auch in einem ekphrastischen Anteil der subscriptio beschrieben, die die intendierte Bedeutung der pictura in einem weiteren, dem deduzierenden Anteil, verdeutlicht. Eine ähnliche, die Interpretation der pictura lenkende, Funktion erfüllt die inscriptio.
Als Bildgegenstände kommen alle Gegenstände und Situationen in Frage, die sich als auslegungsfähig erweisen. Das heißt gewöhnlich, dass sie bereits mögliche Sinnzuschreibungen (sensus spiritualis) mit sich tragen, die in emblematischen Kompendien dokumentiert oder aufgrund ihres häufigen Auftretens in der allgegenwärtigen Emblemkunst fest etabliert sind. Die Berechtigung solcher Sinnzuschreibungen beruht auf einem in der christlichen Allegorese begründeten spirituellen Weltverständnis, dessen wichtigstes Merkmal die Überzeugung von der significatio rerum ist. Dabei können nur Klassen oder Arten von Dingen als Signifikanten fungieren, so dass ein Bildgegenstand zunächst nur ikonisch auf eine solche Klasse oder Art verweist. Daher gibt es beim Emblem keine unendlichen Semiosemöglichkeiten wie sonst in der bildenden Kunst. Egal wie ein Gegenstand dargestellt ist, er verweist immer nur auf die Klasse oder Art, dessen Bestandteil oder Vertreter er ist und somit auf den für diese konventionell festgelegten sensus spiritualis. Die pictura funktioniert also ähnlich der Sprache als Notationssystem und muss folglich wie ein sprachlicher Text gelesen werden.
Dennoch unterstellte man der pictura auch eine ästhetische Wirkung, die dem Emblem vor allem in zweierlei Hinsicht Vorteile verschaffen sollte: durch die direkte Ansprache der Sinne sollte die persuasive Kraft verstärkt und durch die besondere mnemonische Qualität von Bildern eine bessere Merkbarkeit erzielt werden.
Der so überzeugend zu vermittelnde und zuverlässig einzuprägende Inhalt zeichnet sich beim Emblem durch seine Allgemeingültigkeit aus. Während zum Beispiel beim Wappen oder bei der Imprese ein inhaltlicher Bezug zu bestimmten Individuen besteht, vermittelt das Emblem eine universell gültige Moral oder eine (evntl. auf eine Zielgruppe abgestimmte) für bestimmte Situationen angebrachte Handlungsanweisung. Dabei wird der systematische Text einer moralischen Darlegung durch die spezifische Verarbeitung im Emblem in einen argumentativen, expositorischen Text umgewandelt. Die Aufzählung der konkreten moralischen Aussagen oder Handlungsanweisungen z.B. in Emblembüchern etabliert eine katalogisierende Ethik, die ihren listenartigen Quellen korrespondiert. Diese sind z.B. der Dekalog, Sammlungen stoizistischer Maximen, gnomische Sätze, Volksweisheiten, Apophtegmen, Adagien u.s.w. Dieses Wurzeln in rein traditionellen Überlieferungen, die sich meist ganzheitlichen philosophisch-ethischen Begründungen entziehen, könnte auch die Ursache für das Ende der Emblematik im frühen 18. Jahrhundert sein. Der zu dieser Zeit aktuell werdende Kontraktualismus konnte die Emblematik als Mittel der Amplifikation und Explikation nicht mehr verwenden.


Literatur:
- Bernhard F. Scholz: Emblem und Emblempoetik. Historische und systematische Studien. Berlin 2002 (Allgemeine Literaturwissenschaft – Wuppertaler Schriften Bd. 3).
- Wolfgang Neuber: Locus, Lemma, Motto. Entwurf zu einer mnemonischen Emblematiktheorie. In: Ars memorativa. Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Gedächtniskunst 1400-1750. Hrsg. von Jörg Jochen Berns und Wolfgang Neuber. Tübingen 1993 (=Frühe Neuzeit Bd. 15), S. 351-372.
- Ursula Kocher: „Der Dämon der hermetischen Semiose“ – Emblematik und Semiotik. In: Bildersprache verstehen. Hrsg. von Ruben Zimmermann. München, Paderborn 2000, S. 151-167.

(S. B.)