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Diskurs

Dieser Begriff wurde bis in die sechziger Jahre vorrangig in der Bedeutung "erörternder Vortrag" oder "hin und hergehendes Gespräch" verwendet. Im Laufe der Zeit wird der Begriff jedoch zunehmend im wissenschaftlichen Rahmen verwendet und erhält je nach Theorie eine völlig neue oder doch spezifische Bedeutung. Im Alltagsgebrauch wird er neuerdings zunehmend in der Bedeutung von Gespräch oder Diskussion verwendet.
Diskurs ist ein vieldeutiger Schlüsselbegriff zeitgenössischer Literaturtheorie. Seine Definition hängt stark von der jeweiligen wissenschaftlichen Perspektive ab. Heute wird der Begriff Diskurs meist im Sinne der Diskurstheorie von Foucault verwendet. Diskurs ist bei Foucault kein Sprechakt, sondern vielmehr eine Verkettung von Aussagen oder eine Formation, wie es in der "Archäologie des Wissens" (1969; dt. 1973) heißt. Der Diskurs ist also eine Ordnung oder Formation von Aussagen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Raum strukturieren, oder anders ausgedrückt, der Diskurs ist ein regelgeleitetes System. Demnach sind Diskurse eine Menge von Aussagen, die demselben Formationsgebiet zugehören (z.B. der Klinik, der Psychiatrie, der Sexualwissenschaft oder der Ökonomie). Diese Aussagen produzieren auf geregelte Weise soziale Gegenstände wie Wahrheit, Realität und Normalität bzw. Wahnsinn, Lüge und Abweichung, sowie die ihnen entsprechenden Subjektivitäten. Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit der jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang, oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was gesagt werden kann bzw. soll, was nicht gesagt werden darf und welcher Sprecher etwas in welchem Kontext sagen darf. Der Diskurs ist dabei nur der sprachliche Teil einer diskursiven Praxis, die auch nichtsprachliche Aspekte miteinschließt.
Diskursive Formationen konstruieren ihre Untersuchungsobjekte unter dem Scheinargument der Entdeckung (die Psychoanalyse erfindet das Unbewusste, die Sexualwissenschaften kreieren die Homosexuellen) und regulieren somit, was sagbar und was nicht sagbar ist.
Neben der rein sprachwissenschaftlichen Bedeutung wird Diskurs heute vielfach als philosophischer Begriff verwendet. Allerdings stehen sich hier zwei Verwendungsweisen unverbunden gegenüber. Habermas sah als Vorreiter einer linguistischen Wende in der Philosophie die Sprachfähigkeit als das entscheidende Kennzeichen des Menschen und entwickelte eine Diskursethik. Diskurs ist bei ihm der Schauplatz kommunikativer Rationalität. Foucault hingegen untersucht als Poststrukturalist den Wandel der Denksysteme. Als Diskurs bezeichnet er viel grundsätzlicher den Vorgang der Herausbildung jener Wahrheiten, in denen wir uns unser Sein zu denken geben.

(T.G.)