Christoph Sauer

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Die teilnehmende Beobachtung als Denkfigur der Moderne in Ethnographie und Literatur

Adresse
Habelschwerdter Allee 45
Raum JK 33/103
14195 Berlin

Christoph Sauer studierte Ethnologie und Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin (FU). 2012 schloss er sein Studium mit einer Magisterarbeit zur teilnehmenden Beobachtung in den Schriften Bronisław Malinowskis und Franz Kafkas ab. Er betrieb eine Feldforschung zum Thema „Indische Diaspora-Identität in Ostafrika“ in Dar es Salaam (Tansania), leitete Tutorien am Institut für deutsche und niederländische Philologie der FU Berlin und war als studentische Hilfskraft im DFG-Projekt „Seelenwanderung und literarische Kommunikation – Konjunkturen einer Denkfigur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ unter der Leitung von Prof. Dr. Müller-Tamm tätig. Seine Hauptforschungsinteressen umfassen Kulturtheorien und ihr Niederschlag in literarischen Texten sowie die Geschichte der Sozial- und Kulturwissenschaften in ihrer Wechselwirkung mit der Literatur. Christoph Sauer ist seit Oktober 2013 Doktorand an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der FU Berlin. Seit Juni 2019 ist er Stipendiat der Stiftung Bildung und Wissenschaft im Deutschen Stiftungszentrum.

Das Dissertationsprojekt untersucht die Genese, Funktion und Zirkulation der Denkfigur der teilnehmenden Beobachtung in literarischen und ethnographischen Texten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die teilnehmende Beobachtung ist die zentrale Methode der Ethnologie, um fremde kulturelle Realitäten zu erfassen und zu beschreiben. Sie ist untrennbar mit dem Namen Bronislaw Malinowski (1884–1942) verbunden, der sie im Bestreben, die Ethnologie zu ‚verwissenschaftlichen‘, in seinem berühmten Werk Argonauts of the Western Pacific (1922) eingeführt hat.

Diesem Szientismus zum Trotz erweist sich der teilnehmende Beobachter in Malinowskis Ethnographien als eine zutiefst literarisch verfasste Figur, die spezifische narrative Strategien in Szene setzt und sich als Antwort auf Probleme und Aporien, wie sie in unterschiedlichen zeitgenössischen Diskursen verhandelt werden, lesen lässt. Von Malinowski ausgehend profiliert die Dissertation in diesem Sinne die Denkfigur der teilnehmenden Beobachtung zunächst als eine Konstellation aus diesen Diskursen. Darauf aufbauend wird die Präsenz der Denkfigur in weiteren Texten aufgezeigt. Dabei werden zum einen Autoren diskutiert, die sich im Zwischenbereich der sich am Anfang des 20. Jahrhunderts erst ausdifferenzierenden Diskurse der Ethnographie und der Literatur bewegen (wie etwa Leo Frobenius). Zum anderen soll die spezifische Beobachtungshaltung und Annäherungsweise der teilnehmenden Beobachtung auch in literarischen Texten der Moderne nachgewiesen werden (bspw. Franz Kafkas).

Ziel der Arbeit ist es, die teilnehmende Beobachtung als Denkfigur und ‚Wahrnehmungskonfiguration’ zu rekonstruieren, die im interdiskursiven Feld von Ethnographie und Literatur zu verorten ist. Indem sie den diskurshistorischen Hintergrund der Trennungsgeschichte von Literatur und Ethnographie rekonstruiert und das epistemische Innovationspotential literarischer Verfahren herausarbeitet, versteht sich die Dissertation als ein Beitrag zur Wissens- und Bewusstseinsgeschichte der Moderne

The dissertation project explores the formation, function and propagation of participant observation as a Denkfigur (figure of thought) in literary and ethnographic texts of the first half of the twentieth century. Participant observation is the predominant method of social anthropology to experience and describes foreign cultural realities. It is intrinsically connected with the name of Bronisław Malinowski­, who – in his endeavour to make anthropology a ‘hard science’ – introduced it in his famous ethnography Argonauts of the Western Pacific (1922). In spite of this scientism, the participant observer as presented in Malinowski’s ethnographies proves to be a deeply literary figure, enacting specific narrative strategies. As such, it can be understood as a response to problems and aporias expressed in numerous contemporary discourses. Based on these assumptions, the dissertation takes its starting point in Malinowski and, at first, shapes the Denkfigur of participant observation as a constellation of modern discourses. It continues by revealing the existence of the Denkfigur in texts of other authors. On the one hand, authors are discussed that belong to an intermediate area of discourses in literature and ethnography, which, at the beginning of the twentieth century, are just starting to differentiate themselves (e.g., Leo Frobenius). On the other, the project focuses on modern novelists dealing with (cultural) foreignness in their texts (e.g., Franz Kafka).

The objective of the dissertation is to reconstruct participant observationas a modern Denkfigur and literary configuration of perception that is to be situated in the interdiscoursive field of ethnography and literature. By tracing the discourse-historical context of the differentiation-process of both literature and ethnography, and highlighting the epistemic potential of literary devices, the dissertation is meant to be a contribution to the history of knowledge and consciousness.

Publikationen

 Als Mitherausgeber: Jutta Müller-Tamm [u.a.], Verstandenes Lebensbild – Ästhetische Wissen­schaft von Humboldt bis Fischer, LIT Verlag, Reihe: Kultur, Forschung und Wissenschaft, Berlin 2010.

 Darin die Kapiteleinleitung: „Kulturgeschichte der Natur“, S. 131–139.

 

Vorträge

„Writing Death: Kafka’s Anthropology of Death.“Im Rahmen der Biannual Berlin-Cambridge-Chicago Conference in German Stud­ies: Living On – Life, Death, and Afterlife in Literature and Culture, June 19-22, 2014, University of Chicago.

Organisation des Panels „The Localization of Worldliterature/Die Verortung von Weltliteratur“ im Rahmen der Studientage der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule vom 08.-11. Oktober 2014 (gemeinsam mit Svetlana Sirontinina, FSGS).

„Gregor Samsas Transgressionen“. Im Rahmen des Workshops Tabu und Transgression als literaturwissenschaftliche Heuristika (FU Berlin, organisiert von Thomas Hardtke, Eva Lieberich und Kai Schöpe, alle FSGS) am 14./15. November 2015.

„Die teilnehmende Beobachtung als Denkfigur der Moderne und Bronislaw Malinowskis Feldforschung auf den Trobriand-Inseln (Südwestpazifik).“ Im Rahmen des Workshops Pazifik-Literatur um 1800/um 2000, Institut für Germanistik, Universität Bern vom 12.03.2016 – 13.03.2016 (organisiert von Prof. Dr. Matthias N. Lorenz, Dr. Johannes Görbert und Christine Riniker).

„Bronislaw Malinowski – Erzählen und Beschreiben auf Boyowa“ – Textdiskussion im Rahmen des Stu­dientags Literatur und Wissenschaftsgeschichte am MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin am 15.07.2016.

„Die Teilnehmende Beobachtung als Denkfigur der Moderne am Beispiel Joseph Roth“. Im Rahmen des Workshops Forschungsfeld: Feldforschung – Erkundungen zwischen Literaturwissenschaft und Ethno­logie. Veranstaltet vom DFG-Graduiertenkolleg 1608 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“ (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) vom 06.03.-08.03. 2017 (organisiert von Björn Bertrams und Elisabeth Heyne).

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