Leitbild

Friedrich Schlegel (1772-1829) und seine "Wissenschaft von der Literatur"

"Lesen heißt den philologischen Trieb befriedigen, sich selbst literarisch affizieren. Aus reiner Phi­losophie oder Poesie ohne Philologie kann man wohl nicht lesen." (Friedrich Schlegel, 391. Athenäumsfragment, 1798)

1. Komparatistische Anlage. Friedrich Schlegel hat Studien zur altgriechischen, lateinischen, italienischen, französischen, spanischen, englischen, deutschen und indischen Literatur verfasst und seine Kompetenz in diesen Feldern produktiv vernetzt. Schlegel ist als intellektueller Kosmopolit und philologisch geschulter homme de lettres der Repräsentant eines kulturellen Bewusstseins, das keine nationalen Grenzen kennt.

2. Umfassender zeitlicher Horizont. Schlegels Arbeiten erstrecken sich von der griechischen Antike über Mittelalter, Frühe Neuzeit und 18. Jahrhundert bis ins beginnende 19. Jahrhundert. In diesem Sinne dokumentieren sie die Reichweite eines philologischen Wissens, das von einer unverbrauchbaren historischen Neugierde getragen wird. Sie zeigen die Ergiebigkeit einer Forschungsperspektive, die sich nicht auf partikulare geschichtliche Phänomene beschränkt, sondern ihr analytisches Bewusssein schärft, indem sie Epochen, Stile und Texte als veränderliche Konfigurationen begreift.

3. Theoretische Fundierung. Schlegels literaturwissenschaftliche, essayistische und kritische Arbeit sucht und findet Anschlüsse an die zeitgenössische Philosophie (insbesondere Kant und Fichte). Sie transformiert Theorien von Ich und Selbstbewusstsein ebenso wie die Desiderate der Ästhetik von Baumgarten bis Kant in eine (von der "Kritik der Urteilskraft" noch für un­möglich erklärte) "Wissenschaft" vom ästhetischen "Objekt". Schlegels philologisches Denken vollzieht dabei eine Integration theoretisch-systematischer Reflexionsanteile, indem es begriffliche Konstruktionen, Konzepte und Programme im Prozeß der Lektüre dynamisiert und damit produktiv verändert.

4. "Close reading". Schlegel hat den modernen Begriff des "Werkes" aus dem Ideal der immanenten Interpretation begründet und die Praxis subtiler Einzelinterpretation zu einem Kernfeld der literaturwissenschaftlichen Disziplin ausgebaut. Schlegels Lektü­ren zeigen, dass Texte eine ganze Welt sein, aber auch historische und soziale Welten Texte bilden können - nämlich Netzwerke des Imaginären, Phantastischen, Symbolischen, Komischen oder Grotesken. Schle­gels Lesepraxis ist eine wissenschaftliche Kunst der Versenkung, die der Hermeneutik, der explication de texte, dem gelehrten Kommentar der Editionswissenschaft und der struktura­len Analyse gleichermaßen Impulse vermittelt: eine Ausgangsbasis für jene Metho­den­richtungen moderner literaturwissenschaftlicher Arbeit, die sich dem Anspruch genauer Lektüre verpflich­ten.

5. Theorie der Gattungen. Zwischen der breiten komparatistischen Anlage und der Einzelinterpretation vermittelt eine neue Theorie der Gattungen. Schlegel ist vor allem für die Inauguration der modernen Theorie des Romans bekannt, er hat aber auch Maßgebliches zur Bestimmung dramatischer Gattungen (Chortragödie) und lyrischer Genres (Romancero, Sonett u.a.) geleistet. Schellings Idee einer 'Philosophie der Kunst' überträgt Schlegel auf die (in sich variablen) Ordnungen der Literatur, indem er den jeweiligen 'Geist' des Genres als Organisationszentrum seiner Form zu erfassen sucht. Seine Gattungslehre präsentiert keine Poetik im traditionellen Sinne, vielmehr ein offenes System unterschiedlicher Schreibweisen und ihnen korrespondierender intellektueller Haltungen.

6. Modelle der Literaturgeschichte. Schlegel betrachtet die literarhistorische Arbeit als Forschungsgebiet, auf dem die Geschichte "aller gebildeten Völker" in der wechselseitigen Beleuchtung ihrer nationalen Eigentümlichkeiten sichtbar werden kann. Leitend ist für ihn der Gedanke, dass Literaturgeschichte im Sinne einer Kulturgeschichte konzipiert werden muss, die Aspekte der Medialität (Mündlichkeit-Schriftlichkeit), der Bildungsvorstellungen (in ihrer institutionellen Vermittlung), der literarischen Kommunikation (im Spannungsfeld höfisch-öffentlicher und intim-privater Ausprägung), der Kanon-Architektur (ästhetische Wertung, Erinnerungsformen) und des Wissens (Rhetorik, Philosophie, Naturwissenschaft) zu behandeln hat. Für eine moderne Auffassung der Literaturgeschichte, die Distanz zu statischen Epochenkonzepten, nationalmythischen Verengungen und Teleologiekonstruktionen hält, sind Schlegels Entwürfe brauchbar und inspirierend zugleich.

7. Edition und Editionswissenschaft. Gemeinsam mit Ludwig Tieck und den Brüdern Grimm entdeckt Schlegel die Literatur des europäischen Mittelalters neu. Wenn im Zeitalter der Romantik erstmals Text-Editionen auf wissenschaftlichem Niveau entstehen, die diese Literatur zugänglich machen, so ist das auch sein Verdienst. Die Verfahren des Textvergleichs, der Dokumentation von Varianten und der Stellenkommentierung gehören erst seit Schlegels Zeit zu den anerkannten Prinzipien der Editionspraxis. Von ihnen führt ein Weg zu den modernen Editionsprojekten, die auf der Basis elektronischer Datenverarbeitung den hier entwickelten Normen für Textherstellung und -erschließung  verbunden bleiben.

8. Programmatik der Literaturkritik. Schlegels Wissenschaft von der Literatur schließt die fortdauernde kritische Selbstreflexion ein. Kritik bedeutet bei ihm nicht nur die Formulierung von Werturteilen über sprachliche Kunstwerke, sondern auch die Selbstbestimmung des ästhe­tischen Gegenstands durch die ihm innewohnende Fähigkeit zur reflektierten Organisation seiner Form. Die literaturkritische Praxis wird so von programmatischen Ansprüchen fundiert, die den Kritiker in die Rolle des Geburtshelfers versetzen, der den Text erst ins Leben führt. Die von Schlegel angestoßene Theorie der Literaturkritik wirkt im 19. Jahrhundert in ganz Europa nach und setzt bis heute Maßstäbe.

9. Sprachtheoretische Basisreflexion. Schlegel hat die Sprachlichkeit von Literatur so ernst genommen wie kein Autor vor ihm. Er hat Literaturwissenschaft aufs engste mit Positionen der überlieferten Sprachphilosophie und Sprachgeschichtsschreibung, aber auch mit den Anfängen der modernen Sprachwissenschaft verknüpft. Angeregt durch Herder, dessen metaphysisches Weltbild er transzendentalpoetisch überschreitet, entfaltet Schlegel ein Sprachdenken, das diachrone und synchrone, philologische und psychologische, deskriptive und spekulative Ansätze mitein­ander zu verknüpfen sucht. Sprache und Rhetorik erweisen sich unter dem Zugriff divergierender Methoden als offene Systeme, deren Elemente funktional variieren können - eine Einsicht, die ihrerseits paradigmatisch für die moderne Linguistik geworden ist.

10. Theorie und Praxis der Übersetzung. Friedrich Schlegel und sein Bruder August Wilhelm haben gemeinsam mit Ludwig Tieck einen neuen Standard für literarische Übersetzungen geschaffen, aber auch maßgebliche Beiträge zur Theorie des Übersetzens geliefert. Ähnlich wie im Fall des Kritikbegriffs und der Gattungskonzeption läßt sich feststellen, dass Schlegel die Übersetzung nicht nur als Praxis versteht, die herrschende Normen vollstreckt, sondern als dynamische Operation, die neue Sinnmöglichkeiten im Medium der Sprache erprobt und anwendet. Die Aufgabe des Übersetzers liegt für Schlegel darin, Transfers unter den Bedingungen des Differenzbewussseins zu leisten. Dieses Ziel ist gleichermaßen dem Respekt vor der kulturellen Alterität und dem Bemühen um einen Dialog der Weltliteraturen geschuldet.

11. Interesse an Intermedialität und Gattungsentgrenzungen. Schlegel hat Lessings Reflexion über die Leistungen und Grenzen einzelner Künste und Medien fortgesetzt und hybridisiert. Literarische Texte werden ebenso in den Begriffen malerischer und musikalischer Analyse beschrieben wie in solchen der literarischen Poetik und der Philosophie. Literatur gerät zum multimedialen Gefüge, in dem verschiedene Künste und Kunstkonzepte zusammenwirken. Basis für dieses erweiterte Textverständnis ist bei Schlegel eine profunde Kenntnis der europäischen Kunst- und Baugeschichte, der Plastik, der Musik und des Theaters. Diese Mehrfachkompetenz sollte bewusst machen, dass, wer Literatur intermedial erforschen möchte, weite Wege zu gehen hat.

12. Verschränkungen von Ästhetik und Politik. Schlegel ist ein eminent politischer Denker. Die Poetik der Zeitschrift "Äthenäum" (1798-1800) antwortet fortlaufend auf die Erfahrung der Französischen Revolution, reflektiert aber auch die Bedingungen der politischen Gegenwart in Deutschland. In den wechselnden Rollen des Revolutionssym­pathisanten und Konservativen hat Schlegel die Spannungen und Bruchlinien der europäischen Politik beobachtet und in seinen Texten verarbeitet. Im ursprünglichen Sinn des Wortes kann man hier von einem ästhetischen Republikanismus sprechen, der seine Arbeit zeitlebens, unabhängig von ihren inhaltlichen Volten, beherrschte.

13. Öffnung des Blicks für Beziehungen zu den Naturwissenschaften. Schlegel hat in großem Stil Literatur und diskursive Wissenstypen zusammengedacht. In Schlegels Texten sind die Naturwissenschaften nicht nur als Metaphernspender präsent, sondern ebenso als Bezugssysteme, die Vorgaben für die literarische Reflexion, Impulse für deren Wissensproduktion und Organisationsstruktur vermitteln. Bei Schlegel leitet sich daraus eine Öffnung des Literaturbegriffs ab, die für das Auftreten epistemischer Elemente in der poetischen Fiktion ebenso sensibilisiert wie für das Eindringen fiktionaler Elemente in die wissenschaftlich Prosa - in beiden Fällen handelt es sich um perspektivische Entgrenzungen, die gerade die aktuellen Forschungsdiskussionen in den Literaturwissenschaften bestimmen.

14. Transformation des Religiösen. Mit seiner intellektuellen Biographie durchschreitet Schlegel das Spannungsfeld zwischen ästhetischer Moderne und religiösem Fundamentalismus. Schlegels Konversion zum Katholizismus (1808) bildet keinen Endpunkt einer intellektuellen Entwicklungsgeschichte, sondern stößt die Suche nach neuen Formen der Erfahrbarkeit von Religion jenseits eines dogmatischen Glaubensverständnisses an. Der hier hervortretende Hiatus zwischen experimenteller Modernität und Sehnsucht nach verbindlich geregelten Sinnsystemen (Mythologie, Religion, politische Theologie) beherrscht die europäische Literatur auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert in immer wieder wechselnden Konfigurationen.

15. Starke Gegenwartsorientierung. Bei aller Breite und Ausdifferenziertheit des wissenschaftlichen Interesses blieb es stets Schlegels dringlichstes Ziel, Hauptleistungen und Tendenzen der aktuellen Gegenwartsliteratur zu erkennen. Schlegels poetologisch-ästhetische Praxis orientiert sich auch dort, wo sie historisch ältere Gegenstände bearbeitet, durchgehend am Fluchtpunkt der Moderne. Mit diesem beziehungsstiftenden Sinn einer Selbstreflexion des Modernitätsbewusstseins zeichnet Schlegel intellektuelle Maßstäbe für die gegenwärtige Literaturwissenschaft vor.

Peter-André Alt, Winfried Menninghaus

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