Der posthumane Körper in Mokis „Sumpfland“ (2019)

09.07.2020 | 16:15 - 17:45
Katharina Serles

Katharina Serles
Bildquelle: Akademia.eu

Katharina Serles (Germanistik, Wien, Österreich) | Teil der Ringvorlesung  „Comic – Kunst – Körper. Konstruktion und Subversion von Körperbildern im Comic“ im Rahmen des Programms „Offener Hörsaal“ der Freien Universität Berlin

Etwas „wächst“, etwas „geht vor sich“, etwas „stimmt nicht“ in Mokis rezentem Comic Sumpfland (2019). Buchstäblich zwischen aufkommendem Nebel und in einem titelgebenden, mal auf hellgrünem Grund nicht-verortbaren, mal ‚natürlich‘ (vgl. Brittnacher 2017), mal ‚kultiviert‘ erscheinenden Mikro- oder Makro-‚Sumpf‘, verzahnen sich Geschichten seltsamer Geschöpfe – von sprechenden Alraunen zu Ableger produzierenden Formwandlern – zu einem „super organism rizoomatic think tank“ (Moki 2019) um die Themen Identität, Umwelt, Beziehung, Reproduktion und Krankheit/Tod. Dabei wird ein dichtes Netzwerk intertextueller wie interpiktorialer Bezüge von Rosas ‚Resonanz‘ und Deleuzes/ Guattaris ‚Rhizom‘ über Studio Ghibli zu Alan Moores ökokritisch-posthumanistischer Fortschreibung von Swamp Thing eröffnet und zum ‚gespenstischen‘ Ort der (Selbst-)Reflexivität des Mediums (vgl. Frahm 2018).

Wie zu zeigen sein wird, ist nicht nur dieses Medium in seiner formalen Hybridität (vgl. Chute 2008) kritisch-posthumanistisch (vgl. Kelp-Stebbins 2012), sondern lassen sich posthuma­nistische Theorien für die Analyse von Sumpfland fruchtbar machen: Entsprechend sind die Kör­per in Sumpfland etwa nicht „situiert oder lokalisiert“, sondern „konstituier[en]“ ‚Sumpfland‘ und ‚Körper‘ einander „intraaktiv gemeinsam“ (Barad 2012), werden die Figuren als „Gefährt*innenspezies“ (Haraway 2016) lesbar, oder reflektieren ihre „Körper-Zeichen“ (Klar 2011) die (Un)Möglichkeit von Geschichtlichkeit, Geschlechtlichkeit und Sexualität posthumaner Körper (vgl. Halberstam/Livingston 1995). Wenn Sumpfland mit den Worten „Wir werden verschwinden“ (Moki 2019) schließt, ist dies im posthumanistischen Sinn insofern bereits vollzogen, als das republikanische/humanistische ‚Wir‘ – und das führt dieser Comic wie das Medium an sich vor – problematisch geworden ist als das, was ‚nicht stimmt‘.

Katharina Serles ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Visualitäten von Geschlecht in deutschsprachigen Comics an der Universität Wien, wo sie Deutsche Philologie, Amerikanistik und Kunstgeschichte studierte. Von 2009 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin für die FWF-Projekte Kunst im Text und Das Bildzitat: Intermedialität und Tradition sowie Universitätsassistentin am Institut für Germanistik, Universität Wien. Von 2016 bis 2018 war sie als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Bildende Künste Dresden tätig. Ihre Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind Comics, Literatur und Bildende Kunst, Gender Studies und Bildtheorie. Sie ist Mitbegründerin der Österreichischen Gesellschaft für Comicforschung und -vermittlung (OeGeC), Online-Redaktionsmitglied und Mitglied der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor), sowie Mitglied der AG Comicforschung, des Comic Studies Network der German Studies Association (GSA) und der Comics Studies Society (CSS). Außerdem ist sie stellvertretende Geschäftsführerin der Kulturplattform Oberösterreich (KUPF) und Leiterin des kulturpolitischen Magazins KUPFzeitung.

Zeit & Ort

09.07.2020 | 16:15 - 17:45

Freie Universität Berlin, „Rostlaube“, Habelschwerdter Allee 45, Hörsaal 1b, 14195 Berlin-Dahlem

Weitere Informationen

pathographics@fsgs.fu-berlin.de