Jahrestagung 2026: Philonikía. Ambivalenzen des Gewinnens und Verlierens in der Literatur
Ort: Freie Universität Berlin, Villa Engler, Altensteinstraße 2, 14195 Berlin
Die im Louvre ausgestellte Skulptur der Nike von Samothrake gilt als eine der bekanntesten Darstellungen des Sieges: triumphal, kraftvoll, monumental – und zugleich fragmentiert, kopflos. Diese Siegesfigur bezieht ihre ikonische Kraft jedoch gerade aus dieser Beschädigung; Triumph und Verlust sind hier untrennbar verschränkt. Eine vergleichbare Ambivalenz ist im griechischen Begriff philonikía (phílos, „Liebe“ und níke, „Sieg“) angelegt, sofern er einerseits die „Liebe zum Siegen“, andererseits zugleich die maßlose „Siegessucht“ mit zerstörerischen Folgen benennt – auch für die Siegenden selbst. Von diesem Spannungsverhältnis ausgehend widmet sich die diesjährige Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule literarischen Figurationen, in denen ‚Gewinnen‘ und ‚Verlieren‘ keinen stabilen Gegensatz bilden, sondern als relationale, historisch variable und kritikwürdige Kategorien reflektiert werden.
Epochenübergreifend – von der Antike bis zur Moderne und Gegenwart – zeichnet die Literatur ein ambivalentes Bild von ‚Gewinnen und Verlieren‘. Seit jeher bilden ‚Sieg‘ und ‚Niederlage‘ zentrale literarische Topoi: Epen, Tragödien, Dramen und Romane greifen vielfach auf agonale Modelle zurück – etwa Wettkampf, Krieg, Konkurrenz oder Leistung –, innerhalb derer Erfolg und Scheitern zunächst klar unterscheidbar erscheinen. Zugleich zeigt sich in der Literaturgeschichte früh, dass diese Opposition so nicht immer haltbar ist. Bereits die antike Tragödie entwirft Konstellationen vorläufiger, trügerischer oder ambivalenter Siege, in denen der Triumph moralisch, politisch oder existenziell problematisch wird oder in sein Gegenteil umschlägt: Pyrrhussiege, die hamartía tragischer Helden oder Texte, die konsequent aus der Perspektive der ‚Verlierer*innen‘ erzählen, suspendieren die binäre Logik von Erfolg und Misserfolg.
Seit der Moderne zeigt sich die Dialektik von Gewinnen und Verlieren, Scheitern und Selbstbehauptung nicht mehr nur als literarisches Motiv, sondern auch als ästhetische Kategorie und als Formprinzip. Texte unterlaufen den Anspruch auf Ganzheit sowie Sinn- und Handlungskohärenz, befragen das ‚Gelingen‘ ihrer Form und exponieren sich als fragmentarisch, unabschließbar und prekär. In der Gegenwart spitzt sich dies noch einmal zu, insofern sich die Kategorie des Scheiterns gerade als produktives Moment zeigt: Antiheld*innen, postagonale Narrative und Poetiken des Misslingens oder Unvermögens reagieren auf eine gesellschaftliche Realität, in der Erfolg zunehmend ökonomisch konnotiert ist. Literatur wird hier zu einem Raum des kalkulierten Nicht-Gelingens – und damit zu einem Medium kritischer Reflexion, an dem Leistungs-, Fortschritts- und Optimierungsdogmata befragt werden.
Vor diesem Hintergrund richtet die Jahrestagung den Fokus auf folgende Fragen: Inwiefern werden agonale Modelle – Wettkampf, Krieg, Konkurrenz, Leistung – literarisch im Hinblick auf ihren moralischen Status reflektiert oder suspendiert? Inwiefern reflektiert die Literatur das spannungsreiche Verhältnis von ‚Gewinnen‘ und ‚Verlieren‘ nicht nur auf der Ebene von Handlung, Figurenkonstellation oder Werteordnungen, sondern auch im Medium ihrer eigenen Form – etwa als Formgewinn und Formverlust/Formoffenheit? ‚Gewinnt‘ Literatur gerade dort ästhetischen Wert, wo Figuren scheitern und Verlieren produktiv wird? Welche Erzählformen, Perspektiven und Gattungen ermöglichen es, dem Verlieren Sinn, Würde oder Erkenntniswert zuzuschreiben?
Programm
Freitag, 13.11.2026
9:45-10:00 Uhr: Ankunft und Kaffee
10:00-10:30 Uhr: Begrüßung
Jutta Müller Tamm
Team der Jahrestagung
10:30-11:30 Uhr: Keynote
Andreas Gelz (Universität Freiburg):
Zwischen Sieg und Niederlage: Französische Sportliteratur im 20. und 21. Jahrhundert
Moderation: Michelle Marú Castro
11:30 Uhr-11:45 Uhr: Kaffeepause
Geltung gewinnen. Spielarten von Triumph und Selbstbehauptung
11:45-13:15 Uhr:
Claude Haas (ZfL Berlin):
„Dem Fürsten Piccolomini!“. Aufsteiger in der Tragödie
Andrea Allerkamp (Europa-Universität Viadrina Frankfurt [Oder]):
„Sie aber scheiterte nicht, sie gewann im großen, übergroßen Stil.“ Heike Geißlers Michaela Kohlhaas, ein Versuch der Ante-Ästhetik?
Moderation: Roxanne Mahboubi
13:15-14:30 Uhr: Mittagspause
14:30-15:15 Uhr:
Oleg Gubetskov (Freie Universität Berlin):
„... diesen Schmerz genutzt und geschrieben“: Poetiken des Gewinnens und Verlierens in Prischwins Tagebüchern
Moderation: Messamory Traore
15:15-15:30 Uhr: Kaffeepause
Verlust erzählen: Zwischen Archiv und Gegenüberlieferung
15:30-17:00 Uhr:
Liza Wyludda (Freie Universität Berlin):
Doing Loss. Wiedergewinnen des Verlorenen in Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste
Melina Brüggemann (Freie Universität Berlin):
„a lose-lose situation“ – Saidiya Hartmans Geschichte(n) des Verlusts
Moderation: Cédric Affognon
17:00-18:15 Uhr: Abendempfang
18:15–19:45 Uhr: Lesung und Gespräch
Heike Geißler (Autorin)
Moderation: Roxanne Mahboubi
Organisation: Cédric Affognon, Michelle Castro, Roxanne Mahboubi, Cheshta Rajora, Achata Sékongo, Messamory Traoré
Die maximale Teilnehmerzahl ist auf 65 Personen begrenzt.





