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Poeten-Lounge: Die Niederungen der Unterhaltung – auf der Höhe der Kunst?

 

Podiumsdiskussion
Datum: 5. Juni 2010
Ort: FU Berlin, Philologische Bibliothek
Konzeption: Prof. Dr. Remigius Bunia, Sarah Fortmann, Melanie Lörke und Claudia Löschner

Die Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Philologischen Bibliothek eine Podiumsdiskussion, in der die Buchpreisträgerin Katharina Hacker, der Kultur- und Marketingmanager Johannes Kram und der Popliterat Jürgen Ploog mit Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm und Claudia Löschner (Friedrich Schlegel Graduiertenschule) kontrovers darüber sprechen, welche Bedeutung die Trennung von Kunst und Kultur heute hat und welche Funktion die Literaturwissenschaft in der Gesellschaft besitzt.

Was sind die Gegenstände der Literaturwissenschaft: das Wahre, das Gute und das Schöne, also das, was „bleibt“, kurz: die „Klassiker“? Hat sich „richtige“ Literaturwissenschaft vorrangig mit Shakespeare, Racine und Goethe, mit der „Höhenkammliteratur“ und mit den „anspruchsvollen“ Werken zu beschäftigen? Oder darf, ja: muss sie sich nicht gerade als Wissenschaft auch den Bestsellern, der Unterhaltungsliteratur, dem Comic und anderen Formaten der Unterhaltungs- oder Popkultur zuwenden?

Diese Fragen rücken das Verhältnis von Popkultur und Kunst erneut in den Vordergrund, eine Unterscheidung, die seit den 1960er Jahren beständig problematisiert wird. Eine Kanonschelte hat es seitdem durchaus gegeben – so war Goethe für den Underground-Lyriker Rolf Dieter Brinkmann bisweilen nichts weiter als ein „Idiot“. Eine Konsequenz aus dieser Debatte scheint eine Erweiterung des Kanons zu sein: Brinkmann und andere Vertreter einer Untergrund- oder Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre gehören längst zur Pflichtlektüre der Literaturwissenschaft. Eine weitere Konsequenz ist die nicht minder fragwürdige Behauptung, die Literaturwissenschaft habe sich in „Philologie“ einerseits und „Kulturwissenschaft“ andererseits gespalten.

Fotos der Veranstaltung finden Sie hier.

Die Lounge in der Philologischen Bibliothek – ein Raum, in den die Benutzer der Bibliothek sich zur konzentrierten Lektüre in Designersessel  zurückziehen können – wurde in der Langen Nacht der Wissenschaften zum Podium, auf dem die durchaus heterogene Runde  der „Poeten-Lounge“ zu später Stunde vor vollem Saal leidenschaftlich und kontrovers über die Frage diskutierte, ob es eigentlich noch sinnvoll ist, von einer Trennung in „ernsthafte“ und „unterhaltsame“ Literatur auszugehen. Moderiert von Sarah Fortmann-Hijazi (Doktorandin der Friedrich Schlegel Graduiertenschule) und Remigius Bunia (Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft) zeigte sich der Schriftsteller Jürgen Ploog nicht zimperlich in seiner Kritik am Literaturbetrieb, an den Medien und am Prinzip Marketing. Er vertrat die Auffassung, allein in der Retrospektive könne sich erweisen, welche Texte Substanz und somit auch Bestand haben werden. Der Kulturmanager Johannes Kram (der unter anderem durch seine erfolgreiche Kampagne für den Sänger Guildo Horn bekannt wurde) plädierte – unter Berufung auf den kanonischen Erfolgsdramatiker Shakespeare – dafür, die Bildungseliten mögen den Unterhaltungscharakter der Kunst ernster nehmen und diesem – auch wissenschaftlich – mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Buchpreisträgerin Katharina Hacker wünschte sich phantasievolles und listiges Vorgehen bei dem Projekt, anspruchsvollere Literatur auch einer Leserschaft zu erschließen, die sich nicht allein aus den Bildungseliten rekrutiert. Die FU-Germanistin Jutta Müller-Tamm unterschied zwischen dem realen und dem idealen Kanon – also der Literatur, die tatsächlich (massenhaft) gelesen wird und derjenigen, die aus Sicht der Kenner und Kennerinnen lektürewürdig ist, und sprach letzten Endes dem Leser die Entscheidung darüber zu, ob das, was er liest, als Kunst gelten könne. Claudia Löschner – ebenfalls Doktorandin der Graduiertenschule – merkte an, dass zwar unterdessen auch Autoren wie der verstorbene Popliterat Rolf-Dieter Brinkmann zu dem von Wissenschaftlern anerkannten Kanon gehören, dass aber an den Universitäten gleichwohl eine Re-Kanonisierung zu beobachten sei. Die lebendige Diskussion zeigte bei aller Kontroverse nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Möglichkeit einer Überbrückung der hier konstatierten Kluft zwischen den "Bildungseliten" und dem "Kulturbetrieb".