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Film macht Schule. Was lehrt uns das Kino?

Filme aus dem Kanon. Zweiter Teil

Ringvorlesung
Datum: Wintersemester 2009/10
Ort: FU Berlin
Konzeption: Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki, Prof. Dr. Elisabeth Paefgen
Organisation: FSGS und Institut für Deutsche und Niederländische Philologie

Die erste Ringvorlesung unter dem Titel „Film macht Schule – Was lehrt das Kino?“ fand im Wintersemester 2008/09 statt. Sie erreichte eine erhebliche Breitenwirkung und führte zur Nachfrage nach einer Fortsetzung. „Film macht Schule“ sollte erstens heißen, dass die „siebente Kunst“ zum Paradigma für andere Künste und für die Kunstbetrachtung selbst avanciert, und zweitens, dass sie eben deshalb mehr Beachtung im Kanon des Schulunterrichts verlangt. Film als Nachbarmedium der Literatur stiftet Erfahrungen mit ästhetischen Strukturen und semantischen Verfahren, die Ideen für die Lektüre und Interpretation von Literatur bereithalten. Im Hinblick auf das wissenschaftliche Gespräch und seine Vermittlung wollte die Vorlesung die Erkenntnis befördern, dass klassische Filme auch ein geisteswissenschaftliches Erkenntnisobjekt sind und sich den Grundoperationen der philologischen Hermeneutik erschließen. Die Veranstaltung konnte eine öffentlichkeitswirksame bildungspolitische Initiative in die akademische Auseinandersetzung hinein verlängern und dort tiefer fundieren. In wissenschaftsorganisatorischer Perspektive stärkt das Konzept der Vorlesung die Beziehungen zwischen den filmbetrachtenden Disziplinen an der Freien Universität.

Nach einer konzeptionellen Einführung in die Ringvorlesung durch Stefan Keppler-Tasaki und Elisabeth Paefgen eröffnete Privatdozent Dr. Bernd Kiefer, Filmwissenschaftler an der Universität Mainz, die Veranstaltungsreihe am 21.10. 2009 mit einem Vortrag über John Fords Stagecoach (1939). Kiefer, als Herausgeber des Bandes „Western“ in der Reclam-Reihe „Filmgenres“ bestens gerüstet, erläuterte an dieser ersten Zusammenarbeit von John Ford mit John Wayne die Mythologie des Westerns als amerikanischem Heimatfilm: mit allen Freiheitsversprechungen und allen Problemen eines ästhetischen Machismus und sozialen Patriarchalismus. 

Brechungen des amerikanischen Traums und das Zerbrechen einer männlichen Identität verzeichnete darauf, am 28.10., Juniorprofessorin Dr. Laura Bieger, Amerikanistin an der Freien Universität, in Hitchcocks Vertigo (1958). Mit den Instrumentarien feministischer Kultur- und Medientheorie konnte Bieger zeigen, wie Hitchcock das Scheitern seines männlichen Protagonisten auf dessen zwanghafte Imaginationen des Weiblichen zurückführt. 

Prof. Dr. Knut Hickethier, Medienwissenschaftler der Universität Hamburg, setzte die Reihe der amerikanischen Klassiker am 4.11. fort. Mit Billy Wilders Das Appartement (1960) stand hier zugleich erstmals das Genre der Filmkomödie auf dem Programm. Herr Hickethier konzentrierte seine Analyse auf diesen Genreaspekt und die Mittel der Figurentypik, der Verwechselung, der Autoritätskritik und des Sprachwitzes.

Prof. Dr. Knut Hickethier

Einen ganz anderen Klassiker der amerikanischen Filmkomödie stellte am 11.11. der Hamburger Filmhistoriker Dr. Norbert Aping vor. Er wies Laurels und Hardys You’re Darn Tootin’ (1928) als Kabinettstück jener anarchistischen und gewaltfrohen Filmdramaturgie aus, die Laurel und Hardy aus dem Slapstick-Film des frühen Kinos in das Zeitalter des verbürgerlichten und literarisierten Films hinüberretten.

Dr. Norbert Aping

Eine zugleich selbstreflexive und politische Filmkomödie untersuchte am 18.11. Privatdozent Dr. Gregor Streim vom Institut für deutsche und niederländische Philologie der Freien Universität. Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) macht nicht nur Schauspielerei selbst zum Thema, sondern beleuchtet – wie Streim glänzend darlegte – den Nationalsozialismus als ein Regime, das sich mit Theatereffekten an der Macht hielt.

Die Fortschreibung der amerikanischen politischen Filmkomödie in die Ära des Ost-West-Konflikts bietet Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964). Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher, ebenfalls vom Institut für deutsche und niederländische Philologie der Freien Universität, erläuterte dem Publikum diesen Film am 15.11. Brittnachers beredte Analyse stellte die Mentalität des atomaren Wettrüstens mit der Involvierung deutscher Wissenschaftler (die Figur des Dr. Seltsam als Auseinandersetzung mit Werner von Braun) in das schärfste Licht.

 Auf das Feld des Neuen deutschen Films, gerade jedoch in dessen Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten, führte am 2.12. der Vortrag von Prof. Dr. Dagmar von Hoff, Germanistin an der Universität Mainz, über Wim Wenders‘ Alice in den Städten (1974). Wenders‘ Film beginnt in New York und reiht daran Impressionen von deutschen Städten: als ein Seherlebnis, so Frau von Hoff, das von den Filmfiguren beständig mit den Bildern ihrer Polaroid-Kamera begleitet und thematisiert wird.

Prof. Dr. Dagmar von Hoff

Das Thema vom Leben in Großstädten greift in pessimistischerer Version Ridley Scotts Blade Runner (1982) auf. Dr. Matthias Schönleber, Institut für deutsche und niederländische Philologie der Freien Universität, interpretierte die Anti-Utopie dieses Neo-Noir-Films am 9.12. und stellte dabei das Motiv des künstlichen Menschen heraus: eine Aktualisierung des Frankenstein-Problems in Zeiten der Gen-Technik.

Ist in Blade Runner die amerikanische Mittelschicht längst verschwunden, so befasst sich Ang Lees Der Eissturm (1997) gerade mit deren sensibler Befindlichkeit in den 1970er Jahren. Juniorprofessor Dr. Thomas Morsch vom Institut für Theaterwissenschaft, Arbeitsbereich Filmwissenschaft, der Freien Universität führte am 16.12. hieran seine langjährigen Forschungen über Kinder und Jugendliche im Film vor, zumal die Entdeckung von Sexualität und das Leben im Neurosen-Generator der Familie.

Damit war eine Reihe von Werken eröffnet, die Filme über Kinder und Filme mit Kindern sind. Eine Art filmischen Erziehungsroman, im Zeitalter der Aufklärung angesiedelt, stellte am 6.1.2010 die Bonner Filmwissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula von Keitz mit Truffauts Der Wolfsjunge (1970) vor. Ursula von Keitz wies vor allem Truffauts abwägende Thematisierung von Kulturgewinn und reziprokem Naturverlust nach.

Prof. Dr. Ursula von Keitz

Weit optimistischer zeigte sich Walt Disneys Dschungelbuch (1967), vorgestellt am 6.1. von dem Hildesheimer Medienwissenschaftler Volker Pietsch, der die Stärken des Films nicht in dessen Ideologie suchte, sondern im psychedelischen Avantgardismus seiner Farben und Formen. Aufschlussreich war hier auch Pietschs Vergleich des schon post-kolonial gestimmten Films mit der Romanvorlage Rudyard Kipplings und deren Kolonialgeist.

Nochmals tief in die amerikanische Mythologie führte am 20.1. der Vortrag von Dr. Birgit Däwes, Amerikanistin an der Universität Würzburg, über Flemings Der Zauberer von Oz (1939). Erstaunlich war die von Frau Däwes aufzeigte Tiefen- und Breitenwirkung dieses Films in der amerikanischen Kultur: die Sprichwörtlichkeit seiner Dialoge und die Unentrinnbarkeit seiner Musik („Somewhere over the rainbow“…).

Dr. Birgit Däwes

Der europäische Kunstfilm stand am Ende der Ringvorlesung. Prof. Dr. Karl Prümm von der Filmwissenschaft der Universität Marburg referierte am 27.1. tiefenscharf über Antonionis legendären Blow Up (1966), einen Film, der die Quintessenz des Poststrukturalismus, das Gleiten der Signifikate unter den Signifikanten, am Fall eines Photographen vorwegnimmt und veranschaulicht. Das kosmopolitische Milieu der Londoner „Swinging 60s“ gab in den Ausführungen Prümms seinen ganzen Reiz dazu.

Prof. Dr. Karl Prümm

Kosmopolitismus war zuletzt, am 3.2., auch das Stichwort für Chris Markers komplexen Avantgarde-Film Sans Soleil – Unsichtbare Sonne (1982), in dem ein französischer Kameramann brieflich und bildlich von seinen Reisen nach Japan und Afrika berichtet. Die Kunsthistorikerin Kathrin Peters von der Kunsthochschule in Braunschweig leistete an diesem schwierigen, nicht-linearen Filmtext hervorragende Vermittlungsarbeit, indem sie ein Glossar in 24 Stichworten von A bis Z zu ihm entwickelte und ihn als Essayfilm über das Funktionieren von Erinnerung auslegte.