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Triangle-Colloquium Berlin – Cambridge – Chicago: Möglichkeiten und Grenzen einer postkritischen Literaturwissenschaft (abgesagt)

Datum: 14.–16.05.2020
Ort: University of Chicago
Die Veranstaltung ist Teil des Triangle-Colloquiums Berlin – Cambridge – Chicago.

Sei es im Sinne der „Hermeneutik des Verdachts“ (Paul Ricœur), sei es im Sinne der „Kritischen Theorie“, seit einigen Jahrzehnten versteht sich die Literaturwissenschaft als kritische Wissenschaft und setzt sich zum Erkenntnisziel, an den überlieferten Werken die Risse und Verwerfungen herauszustellen und die psychischen bzw. gesellschaftlichen Konflikte, die Verdrängungen und ideologischen Verzerrungen, die phantasiemäßigen Projektionen, welche sich den Werken einschreiben, aufzudecken. Das gilt fast flächendeckend. Für kulturwissenschaftlich orientierte Studien, für Gender Studies, für die postkolonialistische Forschung ist der Gestus der Kritik konstitutiv. Auch die Editionsphilologie nennt sich inzwischen kritische Textwissenschaft.  In diesem Milieu ist es ein quasi-moralisches Gebot „kritisch zu hinterfragen“; „Negativität“ gilt als Qualitätsmerkmal. Selbst formalistisch geprägte Forschungsrichtungen sehen ihre Aufgabe darin, „das Schöpferische“ als effet eines banalen semiotischen Mechanismus auszuweisen. In einer solchen intellektuellen Atmosphäre ist kaum nachvollziehbar, dass tonangebende Literaturwissenschaftler (etwa: Wolfgang Kayser, Emil Staiger) einst bekennen konnten, die Grundlage ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sei die Liebe zur Literatur

Die vorausgehende Skizze, wird man nicht zu Unrecht einwenden, ist eine Karikatur. Allerdings ist zu bedenken, dass eine zur Routine geronnene wissenschaftliche Praxis dem Außenstehenden oft ein fratzenhaftes Gesicht zeigt. Und in der Tat: In letzter Zeit haben einige Beobachter das kritiklose Festhalten am Gestus der Kritik als einen festgefahrenen Habitus beschrieben, der die vielfältigen lebensbereichernden Möglichkeiten der literarischen Erfahrung massiv verkürzt. In einer Reihe von breit rezipierten Publikationen hat beispielsweise die Literaturwissenschaftlerin Rita Felski (University of Virginia, jahrelang Herausgeberin der Zeitschrift New Literary History) diese Position  eindrucksvoll  vertreten. Zu nennen sind vor allem folgende Titel: Rita Felski: Uses of Literature (2008); Rita Felski: The Limits of Critique (2015). In dem Band Critique and Postcritique (hrsg. Elizabeth S. Anker und Rita Felski [2017]) sind weiterführende Beiträge zum Thema versammelt. Ein Blick in die Bibliographien dieser Publikationen lässt erkennen, dass das Konzept einer postkritischen Literaturwissenschaft an ein breites Spektrum von Positionen anknüpfen kann, die sowohl in der nordamerikanischen als auch in der westeuropäischen Wissenschaft vertreten sind. Ausbreitung und Verzweigung der Diskussion sind im Netz leicht zu verfolgen. Dabei geht es selbstverständlich nicht um eine Absage an der Kritik als intellektueller Tätigkeit, sondern um den Nachweis von deren Grenzen und blinden Flecken. Aber es geht vor allem um die Entwicklung eines Forschungsprogramms, das eine differenzierte Auffassung der literarischen Erfahrung entwickelt. Damit öffnet sich ein breites Feld von Forschungsmöglichkeiten. Es entstehen beispielsweise Fragestellungen, welche die affektive Besetzung von literarischen Texten erkunden, wobei dann freilich Ausdrücke wie „Liebe zur Literatur“ keineswegs (wie bei Staiger und Kayser) schlicht vorausgesetzt, sondern in den Status von genuinen Erkenntnisobjekten erhoben werden. Es handelt sich wohlgemerkt nicht um „Wirkungen“ (der Begriff ist viel zu mechanisch), sondern um Gebrauchs- und Verarbeitungsweisen (s. den Titel Uses of Literature), d.h. von Weisen, die Literatur in das eigene Leben einzubringen und in Gefühls-, Denk- und Handlungsformen zu überführen. Einen Begriff Plessners aufgreifend könnte man sagen: Es handelt sich um die vielfachen Formen „durchstimmenden“ Appells, die von literarischen Texten ausgehen, sowie um die vielfachen Antworten, die man diesem Appell entgegenbringt. Die Werttheorie (es sind ja Wertqualitäten, die einen ansprechen) kehrt zurück. Die „importance of what we care about“ (Harry Frankfurt) wird betont. Solche Fragestellungen setzen eine ästhetische Theorie voraus, die bereit ist, mit gutem Gewissen die „schöne Lust“ (Andrea Kern im Anschluss an Kant) ins Zentrum der theoretischen Betrachtung zu rücken.  

Dieser grundlegende Diskussionszusammenhang wird seit März 2018 auch in einem an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der Freien Universität Berlin ansässigen Drittmittelprojekt („Das Philologische Laboratorium: Neue Modelle des Umgangs mit Kunst jenseits der Kritik“) systematisch erforscht. Unter der Leitung von Prof. Dr. Michel Chaouli widmet sich das Projekt nicht nur der Geschichte der Kritik und der gegenwärtigen „Kritik der Kritik“, sondern hat sich ferner zum Ziel gesetzt, Formen kritischer Praxis zu diskutieren, die das gängige Bild von Kritik als rein negativ oder aburteilend unterlaufen. Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang der auf Friedrich Schlegel zurückgehende Begriff der „poetischen Kritik“. 

 So ergibt sich auch vor diesem Hintergrund  für die beteilgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglichkeit, sich über die aktuell vieldiskutierten Frageperspektiven auszutauschen. An diesen Diskussionszusammenhang anschließend öffnet sich ein vielfältiger Themenbereich für unsere Tagung.  

Wir gehen davon aus, dass die Teilnehmenden von den eigenen Forschungsinteressen her Zugang zur skizzierten Fragestellung finden werden. Auf keinem Fall seien ausschließlich theoretische Beiträge erwünscht! Im Gegenteil, es sollte darum gehen, die hier sehr allgemein skizzierte Problematik am konkreten Fall zu erkunden und damit zu vertiefen und zu präzisieren. Zur Anregung seien einige thematische Sektoren genannt, die in den Einzelbeiträgen behandelt werden könnten. Die Liste soll keineswegs erschöpfend sein. Ganz im Gegenteil! 

  1. Zur Geschichte des Kritikbegriffs vom 18. bis zum 21. Jahrhundert; das Verständnis von „Kritik“ in diversen kulturellen Zusammenhängen; die „kritische Tätigkeit“ als „kreative Tätigkeit“ im Austausch mit Texten.
  2. Im Anschluss an Schlegel: Möglichkeiten und Grenzen „poetischer Kritik“.
  3. Literarische Charaktere: Identifikations- und Distanzierungsprozesse; „Mitleid“ und andere „Sympathiegefühle“.
  4. Orientierung in Handlungskontexten als Grundlage des Verstehens von narrativen Prozessen.
  5. Die Lust am Satz: Was macht eine Formulierung gelungen?
  6. Der affektive und ethische Gehalt von Stilphysiognomien.
  7. Stimmung und Verwandtes in der Literatur: die Resonanz der Texte.
  8. Rhythmus und andere Formen der Zeitorganisation als Grundlage der ästhetischen Erfahrung.
  9. In der Nachfolge Nietzsches: Literatur und Leiblichkeit.
  10. Grundformen der literarischen Erfahrung: An- und Wiedererkennung, Bezauberung, Erkenntnis, Staunen.
  11. Historischer Wandel des katharsis-Begriffs.
  12. In der Nachfolge Musils: Literatur als Möglichkeitsgenerator. 

Programm

Mittwoch, 13.05.2020

Ankunft

Donnerstag, 14.05.2020

09:00–12:00 Uhr Panel I

12:00–13:30 Uhr Mittagspause

13:30–16:30 Uhr Panel II

16:30–17:00 Uhr Pause

17:00 Uhr Keynote: Prof. Dr. Margareta Ingrid Christian, Department of Germanic Studies, University of Chicago

anschließend: gemeinsames Abendessen

Freitag, 15.05.2020

 09:00–10:00 Uhr Diskussion zum Key Text

 10:00–10:15 Uhr Pause

10:15–13:15 Uhr Panel III

13:15–14:30 Uhr Mittagspause

14:30–17:30 Panel IV

am Abend: Erkundung des Chicagoer Nachtlebens mit Chicago Graduierten

Samstag, 16.05.2020

09:00–12:00 Uhr Panel V

anschließend: Gelegenheit zur eigenständigen Erkundung Chicagos

am Abend: Abschlussfeier 

Sonntag, 17.05.2020

Abreise