Panelbeschreibung Gastfeindschaft

Reiseliteratur als Konstruktions- und Erfahrungsraum von Hospitalität und Hostilität

Konzeption & Organisation: Nick Enright, Bernhard Metz, Ana-Maria Schlupp, Marie-Christin Wilm

Seit der Antike sind Gastfreundschaft und Reisen eng miteinander verknüpft: Wer auf Reisen geht und seine Heimat verlässt, bedarf der Gastfreundschaft, wer auf Reisende trifft, hat sie zu gewähren – Gastfreundschaft ist eine reziproke soziale Relation. Gleichwohl ist die Erfahrung von Alterität ein Bestandteil dieser Form der interkulturellen Begegnung: Wer sich zu den Anderen begibt oder diese empfängt, erfährt sein Anderes und damit seine eigene Identität; Selbst- und Fremdwahrnehmung gehen ineinander über.

In literarischen Reisedarstellungen und -berichten geschieht dies selten reibungslos. So sind Erfolg und Misserfolg des Reisens oder die glückliche wie vereitelte Heimkehr von Reisenden stets mit verschiedenen Formen gewährter bzw. verwehrter Hospitalität verbunden. Das Verhältnis von Reisendem und Gastgeber entscheidet sich oft gerade im kritischen Augenblick des Zusammentreffens. Reisen scheint damit ein paradigmatischer Testfall für die Konstruktion und Erfahrung von Gastfeindschaft zu sein, insofern mit letzterer das permanente Spannungsverhältnis in der Begegnung mit dem Anderen als Gast und Feind bezeichnet wird. Von dieser Hypothese ausgehend beschäftigt sich Panel I einerseits mit der Frage, wie und mit welchen ästhetischen Mitteln der Umschlag von Gastfreundschaft in Feindschaft (aber auch vice versa), der in der Reiseliteratur etwa durch Gewaltexzesse (Vertreibung, Kannibalismus, Mord) thematisiert und problematisiert wird, zur Reflexion von Eigen- und Fremdkonstruktionen bzw. ihrer Brüchigkeit genutzt wird. In diesem Zusammenhang ist auch danach zu fragen, ob bzw. wie es trotz der Schilderung traumatischer Erfahrungen gelingen kann, im Medium der Literatur Identitäten ästhetisch (erneut) zu stiften.

Gastfreundschaft ist vor allem im Kontext des Reisens stark ritualisiert und mit jeweils kulturspezifischen Handlungsmustern, Verhaltensregeln und Kommunikationsweisen verbunden, die eine entscheidende Rolle beim Gelingen bzw. Scheitern des Umgangs mit dem Anderen spielen. Da kulturspezifische Werte und Symbole den Prozess des Forschens und Schreibens beeinflussen, kommt der für die Reiseliteratur zentralen Figur des reisenden Beobachters eine Schlüsselstellung zu: Wird diese als Reflexionsfigur entworfen, die sich in ihrer Distanz zum Geschehen von anderen Gastfiguren – etwa von Flüchtlingen, Exilanten oder Migranten – maßgeblich unterscheidet, oder verliert der Reisende in der persönlichen Begegnung mit dem Anderen seine beobachtende Distanz und wird (sich) selbst zum Anderen einer fremden Gesellschaft?

Wo Gastfreundschaft bzw. ein Mangel derselben entscheidende Kategorien sind, um kulturelle Differenzen oder Ähnlichkeiten zu identifizieren und zu messen, kann die Begegnung mit anderen Lebensformen zu Grenzüberschreitungen führen, bei denen die Unterscheidung zwischen Fremdem und Eigenem zumindest zeitweise suspendiert wird oder als selbstwidersprüchlich erfahren werden kann, wie dies beispielsweise in der Road-Novel der Fall zu sein scheint: Im Gestus der Flucht und des getting lost wollen die Protagonisten nicht in der Fremde ankommen, sondern sich in einer fremden Landschaft verlieren, um der eigenen Herkunft zu entkommen. Prinzipiell ist daher auch danach zu fragen, ob sich das Spektrum der Reiseliteratur signifikant verschiebt, wenn der Moment des Zusammentreffens mit dem Fremden in den Hintergrund tritt, oder ob sich ihr Spektrum nicht vielmehr erweitert, indem sich die Definition des Fremden als aporetisch erweist und die Reiseliteratur auch die Ein- oder Ausgliederung des Individuums aus einer ihm fremd gewordenen eigenen Gesellschaft thematisiert?

Literatur und Gemeinschaft

Konzeption & Organisation: Johannes Ahlborn, Clemens Dirmhirn, Willi Reinecke, Dennis Schep, Nora Weinelt

Kann Literatur ein alternatives Modell von Gemeinschaft entwerfen? Neuere Theoretiker wie Giorgio Agamben, Jean-Luc Nancy oder Maurice Blanchot haben versucht, Gemeinschaft auf eine Weise zu fassen, die nicht auf Homogenität und Exklusion beruht - eine Gemeinschaft,  der der Gast als Inbegriff des ins Eigene eindringenden Anderen nicht unheimlich ist. Das Panel stellt die Frage, inwiefern Literatur, Theater und Film sich für dieses Denken einer ‚entwerkten‘ Gemeinschaft fruchtbar machen lassen. Künstlerische Darstellungen sollen dabei nicht lediglich als Anschauungsmaterial für die jeweilige Theorie fungieren. Vielmehr wollen wir ihr Potential erproben, eigenständig neue Möglichkeiten eines Denkens der Gemeinschaft hervorzubringen. 

Am Fluchtpunkt dieser Überlegungen steht der Versuch, herkömmliche Vorstellungen von Gemeinschaft zu unterlaufen, die stets auf einer Gemeinsamkeit ihrer Mitglieder beharren und so den Ausschluss des Anderen, des Devianten, des Gasts implizieren. Inwiefern halten Literatur, Kunst und die hermeneutische Tradition Ideen, Visionen oder Gedankenexperimente bereit, mit deren Hilfe ein Gemeinschaftsmodell vorstellbar wird, das widerständig bleibt gegenüber jenem in aktuellen öffentlichen Debatten so präsenten Identitätszwang?

Neben der Frage nach den Möglichkeitsbedingungen künstlerischer und politischer Repräsentation von Gemeinschaft soll die Aufmerksamkeit auf die Art der Verflechtung von künstlerischen, theoretischen und politischen Diskursen um Gemeinschaft gerichtet werden.

Gäste in der Fremde? Theoretische Neuansätze zum Verhältnis von Exil, Migration und Literatur

Konzeption & Organisation: Andree Michaelis

Viele vor dem nationalsozialistischen Terror fliehende deutschsprachige Schriftsteller/innen verstanden sich in ihren Zielländer im wahrsten Sinne als Gäste: Gegenstand ihres Schreibens und Denkens blieb ihre deutsche, österreichische bzw. europäische Heimat. Prominente Beispiele hierfür sind Autorinnen und Autoren wie Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Anna Seghers. Nicht weniger von ihnen wollten zudem zurück, wenn alles vorbei sein würde. Den sog. „Migrant/innen“, die in der Gegenwartskultur häufig zudem in deutscher Sprache schreiben und in deutschsprachigen Verlagen publizieren, geht es häufig anders. Nicht Rückkehr, sondern ihre Akzeptanz als permanente Gäste ohne Heimat – als 'neue Europäer' – bestimmt oft ihre Positionierungsversuche im literarischen Feld. Autorinnen und Autoren wie Abbas Khider, Emine Sevgi Özdamar, Yoko Tawada und viele andere schreiben zwar vielfach über ihre Heimat, doch sie schreiben in deutscher Sprache für ein deutsches oder österreichisches Publikum und wollen als Teil des literarischen Feldes ihres ‚Gastlandes’ verstanden werden. Das grundlegende Verständnis von Gastlichkeit und Zugastsein ist also für beide Gruppen fundamental verschieden. Dennoch weisen die Erfahrungen von Flucht und Migration, von Abschied am alten und Ankommen am neuen Ort sowie das Leben inmitten einer anderen Sprache, Kultur und Religion markante Parallelen zueinander auf. Erneut geht es auch vielen heutigen „Migrant/innen“ um Kritik an den Regimen ihrer Heimatländer. Einige von ihnen halten zudem an ihrer Muttersprache auch dann fest, wenn sie in deutscher Sprache schreiben, etwa indem sie stilistische Eigenheiten oder Idiome gleichsam übersetzen. Und auch sie sind, wie die vielen Exilanten der 1930er und 1940er Jahre, zunächst fremd in einer anderen Kultur, die sie sich mehr oder weniger bereitwillig aneignen müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden.

Das Panel soll Vergleichen wie diesen versuchsweise nachgehen und damit eine längst kanonisierte Literatur des antifaschistischen Exils in ein literaturgeschichtliches und ästhetisches Verhältnis setzen zur gegenwärtigen Literatur der Migration. Dabei geht es einerseits darum, bereits etablierte Forschungsperspektiven der Exilforschung für den Blick auf zeitgenössische Phänomene fruchtbar zu machen (und sei es als Kontrast). Andererseits soll aber auch gefragt werden, ob nicht aktuelle Tendenzen und Schreibweisen der sog. „Migrationsliteratur“ eine neuartige Perspektive auf die längst historisierte Literatur des antifaschistischen Exils zulässt.

Erwünscht sind Beiträge, die sich mit herausragenden Einzelbeispielen auseinandersetzen, vor allem aber systematische Versuche eines direkten Vergleichs. Inwiefern die Erfahrungen und Repräsentationsformen des antifaschistischen Exils mit aktuellen Erfahrungen und Darstellungsformen von Migration vergleichbar sind und inwiefern nicht, soll dabei die leitende Frage darstellen. Denkbar sind Themen und Fragen wie die folgenden, die sich stets auf beide Bereiche, die Literatur des antifaschistischen Exils und die einer zeitgenössischen Literatur der Migration, beziehen:

  • Ÿ Welches Verständnis von „Gastlichkeit“ und „Gastfreundschaft“ finden sich in den Texten?
  • Ÿ Welche Motive und Diskurse prägen das Verständnis der Gastländer und ihrer Menschen?
  • Ÿ Wie wird das Verhältnis zu den Herkunfts- und Heimatländern gezeichnet?
  • Ÿ Welches Verhältnis zur deutschen, welches zur Gastsprache lässt sich aus machen?
  • Ÿ Welchen Status hat das Konzept „Europa“ in den Texten?
  • Ÿ Gibt es in gegenwärtigen Texten einer Literatur der Migration intertextuelle oder andere Bezüge auf die Literatur des Exils?

Flüchtlinge in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Konzeption & Organisation: Charlton Payne, Thomas Hardtke, Johannes Kleine

Flüchtlinge sind außergewöhnliche Gäste. Ihre Notlage erfordert ein Verständnis von Gastfreundlichkeit, das die Gewährung von Zuflucht beinhaltet. Ihre erzwungenen oder verschlungenen Fluchtlinien sowie ihr uneindeutiger rechtlicher Status stellen Institutionen und Auffassungen von Gastfreundschaft in Frage. Natürlich ist die Geschichte der Flucht so alt wie die Existenz von klar abgegrenzten Kollektividentitäten, eine ganze Tradition literarischer Bearbeitungen von Fluchterfahrungen zeugt davon ebenso wie von der Entstehung fester Gruppenidentitätszuweisungen. Doch mit dem Aufkommen moderner Institutionen zur Bewegungskontrolle und Bewegungseinschränkung, insbesondere mit dem modernen internationalen Passwesen im 20. Jahrhundert, hat sich das Problem massiv verschärft. Stärker als je zuvor sehen Politik und Kultur Flüchtlingsbewegungen als erhebliches Problem der Gegenwart.

Die deutschsprachige Literatur nach 1989, auf der unser Augenmerk in diesem Panel liegt, bietet sowohl eine besonders breite Beschäftigung mit unterschiedlichen Fluchtnarrativen in verschiedenen historischen und politischen Kontexten, als auch ein zunehmendes Interesse für die transnationale Verfasstheit der Kontexte, in denen Flüchtlinge sich heute bewegen. Schon einige wenige Beispiele zeigen die ganze Bandbreite an: Da beschreibt Ursula Krechel die Erfahrungen von Flüchtlingen während der Nazizeit in ihrem Roman Shanghai fern von wo, beschreibt Walter Kempowski detailreich die Trecks aus Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkriegs in Alles umsonst und verfolgen Christoph Hein und Hans-Ulrich Treichel die schwierigen Integrationsversuche von Vertriebenen und Heimkehrern im Deutschland der Nachkriegszeit. Die letzten dreißig Jahre deutschsprachige Literatur berichten aber auch von Bosnienflüchtlingen, wie in Saša Stanišićs Wie der Soldat das Grammofon repariert, oder von Schutzsuchenden aus dem Irak in den Romanen Sherko Fatahs. Unser Panel fragt, ob diese Literaturen eine Spezifik entwickelt haben, auf die Geschichte der Repräsentation von Flucht und Flüchtlingen zuzugreifen, sie weiterzuschreiben und die Räume an der Schnittstelle von globalen und lokalen Diskursen auszuloten. Was passiert, wenn der Protagonist mit seinem Begehren, seinen Plänen, Deutungen, Bestrebungen, all den Motivationen erzählerischer Auseinandersetzung, eine Geflüchtete ist? Was unterscheidet Texte, die Fluchterfahrungen verhandeln, von denen der deutschsprachigen „Migrationsliteratur“, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Flüchtlinge sowohl durch das erzwungene Leben an den Grenzen der Zivilgesellschaft als auch durch eine weitgehend auf extraterritoriale Räume beschränkte Bewegungsfreiheit definiert sind? Haben poetische Texte, die Fluchtbewegungen verhandeln, wo-möglich innovativen Einfluss auf Strategien literarischer Repräsentation über die Wahl des Su-jets hinaus, etwa im Hinblick auf poetologische Ansätze und das Infragestellen der Grenzen der Erzählbarkeit selbst? Kann Literatur Alternativen aufzeigen zu existierenden politischen Topologien? Kann sie vielleicht dafür sorgen, dass Asylsuchende statt mit Verlusterfahrungen vielmehr mit politischer Sehnsucht assoziiert werden? Verschieben die Repräsentation von Gast(un-)freundlichkeit, von kollektivierenden und Alteritäten definierenden Regimes und die Schilderung von Traumata die Grenzen des Möglichen in der Literatur?

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